Hier nahm Massenbach den Mund recht voll, gab im breitesten Schwäbisch eine begeisterte Lobeshymne altpreußischen Heldengeistes zum besten, ließ die kriegerische Tugend des echten Hohenzollernsprossen in den hehrsten Farben schillern, beschrieb, wie der Prinz, als er seine fliehenden Reiter zum Stehen bringen wollte, im Strudel mitgerissen wurde und vergebens dagegen ankämpfte – wie er, als sein Pferd beim Übersetzen eines Gartenzaunes hängenblieb, von den Franzosen eingeholt wurde –, wie er sich dann mit Löwenmut gewehrt, Pardon weder gegeben noch genommen [pg 138]hatte, vielmehr den Stern des Schwarzen Adlers auf seiner Brust mit dem Hut bedeckt, um nicht als Prinz erkannt und geschont zu werden, und wie er so lieber mit dem Tod als mit der Schmach der Gefangenschaft seine Niederlage besiegelte!
Sonst war Massenbach des Eindrucks seiner Beredsamkeit auf den Fürsten sicher. Heute aber versagte sie total!
Keine Rührung, kein Seufzer, keine Träne! Auch kein einziges Zeichen des Beifalls, als er die Nachricht hinzufügte, die Trümmer der Division Louis Ferdinand seien von General Grawert, der ihnen von Orlamünde aus nach Rudolstadt entgegenrückte, aufgenommen und neu geordnet worden!
„Die Schlappe bei Saalfeld war schon der zweite Donnerschlag, der uns traf! Tauentzien bescherte uns den ersten bei Schleiz!“ sagte der Fürst ärgerlich. „Und Sie haben alles mit verschuldet, Massenbach! Hätten Sie nur Ihren Plan: mit Gewalt das Hauptgewicht der Operationen auf das rechte Saaleufer zu verlegen, zurückgesteckt und strikte die Order des Hauptquartiers befolgt! Nun wissen die Generäle nicht aus noch ein! Ein jeder handelt für sich – meine Armee steht überall zerstreut! – Keine Sammlung, keine Einheit! Wenn’s jetzt zum Schlagen käme, sind wir beim ersten Anstoß in alle Winde zerstreut!“ –
Auch gegen die Besorgnis hatte Massenbach ein beruhigendes Pflaster bereit.
– Er hätte, wie der Fürst ihm schon vorher in weiser Voraussicht bedeutet hatte, Stafetten mit Marschorders überallhin ausgesandt, und aus allen Richtungen strebten schon die zerstreuten Teile der Armee zum linken Saaleufer hin! Verschiedene Truppen wären schon angelangt! Die sächsischen Regimenter zögen sogar in dieser Minute durch die Stadt! Nachmittags wolle er, Massenbach, selbst hinauf nach dem Landgrafenberg und dahinter, an der Schnecke und am Kapellendorf, wie befohlen, das Lager ausstecken. Es wäre sogar höchste Eile damit, um fertig zu werden, ehe die Truppen einrückten!
– Ob nicht in Anbetracht dessen Seine Durchlaucht die Gnade haben möchten, zu befehlen, daß aufgetragen werde? Die Suppe würde sonst kalt werden! –
Da kam ihm der Fürst mit dem dritten Donnerschlag von dem mit Windeseile über den Thüringer Wald hinaufziehenden napoleonischen Gewitter und teilte ihm die soeben eingegangene Nachricht mit, Naumburg mit seinen reichen Vorräten und Magazinen wäre gefallen!
„Naumburg?“ flüsterte Massenbach und wurde ganz still.
„Ja,“ sagte der Fürst, „und das haben wir auch durch unsere unklare Befehlsgebung, an der Sie nicht so ganz unbeteiligt sind, verschuldet! Derlei unliebsame Überraschungen, wie jetzt mit Naumburg, setzt man sich nicht aus! Ich hatte bestimmte Befehle gegeben, die dem vorgebeugt hätten, wenn sie befolgt worden wären. Ich hatte, wie Sie wohl wissen, unseren am weitesten nach Osten stehenden vorgeschobenen Postierungen befohlen, gegebenenfalls sich ohne Kampf, aber in steter Fühlung mit dem Feind, von Hof über Schleiz nach Naumburg zurückzuziehen und uns stets à jour mit allem zu halten! Der Graf Tauentzien aber verwechselte, von Ihnen angesteckt, seinen Posten als Kommandant der Avantgarde mit der Stellung eines Oberkommandierenden! Er disponierte selbst, schlug sich gegen Befehl und wurde, wie sie wissen, von Bernadotte aufs Haupt geschlagen! Damit fing’s an! Das war das Horsd’œuvre! Weil Tauentzien sich statt auf Naumburg nun so allmählich hierher, nach Jena, mit dem Rest seiner Truppen zurückziehen mußte, fehlte mir seit Tagen jede Nachricht über die Fortschritte der Franzosen auf dem Wege nach Leipzig! Die hätten wir längst haben müssen und unsere Gegenmaßnahmen beizeiten treffen können, stände Graf Tauentzien heute wie befohlen in Naumburg, statt bei uns zu dinieren!“