„Der Graf hat abgesagt! Dienstlich verhindert!“ beeilte sich Massenbach einzuwerfen, wagte dann noch eine schüchterne Erinnerung an die wohl längst erkaltete Suppe vorzubringen und fand diesmal bei seinem Herrn ein geneig[pg 140]teres Ohr. Denn der durchlauchtige Magen fing immer gebieterischer an, sich Geltung zu verschaffen.
Man verfügte sich also in den Speisesaal, trat an den reichgedeckten Tisch, die Diener schoben die Stühle zurück, die Tafeldecker hoben die Deckel von den Schüsseln, appetitlich duftende Dämpfe reizten die Gaumen, das Vorgefühl kulinarischer Genüsse erheiterte die Stimmung – man wurde gesprächig, fing an, alles in Rosenrot zu sehen, ließ Vergangenes Vergangenes sein, löffelte vergnügt die delikate Suppe aus und sah schon den Madeira in den Gläsern funkeln.
Da stürzte atemlos, unter gänzlicher Mißachtung einer jeglichen Etikette, der Kammerdiener des Fürsten herein.
„Die Franzosen sind in der Stadt!“ schrie er leichenblaß, und all die erhobenen Suppenlöffel blieben auf halbem Wege zu den aufgesperrten Mäulern stehen, um sich dann langsam wieder auf die Teller zu senken.
„Die Franzosen?“ sagte der Fürst ungläubig. „Unsinn! Sie können nicht fliegen!“
Und er löffelte wieder seine Suppe, kaltblütig, wie’s sich einem erprobten Kriegshelden geziemt.
Aber einige von den Stabsoffizieren meinten, es wäre doch wohl möglich! Sie hätten den Feind am Tage zuvor gesehen, als sie den Vorposten Befehl überbrachten, und es wäre schon anzunehmen, daß er heute seine Streifzüge bis nach Jena ausgedehnt hätte! Die Adjutanten eilten hinaus, um sichere Nachricht zu verschaffen. Massenbach aber aß für drei, in beschleunigtem Tempo, und der Fürst, der sich auch nicht gern beim Essen stören ließ, befahl den Fisch zu servieren. Er schnalzte vor Wohlbehagen beim Anblick der leckeren Forellen, die sich graublau und mattsilbern unter hellgelben Zitronenscheiben auf den glänzenden Schüsseln behaglich rekelten. Er ließ sich ein paar auf den Teller geben, nahm reichlich Butter dazu und fing schon an, die größte zu zerlegen.
Da ging draußen ein Geschrei und ein Getöse los, als wäre das Jüngste Gericht plötzlich über das Land Thüringen [pg 141]hereingebrochen – ein Laufen war’s, ein Fahren, ein Fluchen, ein Poltern! Der Fürst ließ Messer und Gabel sinken, ließ Forelle Forelle sein, erhob sich vom Tisch, befahl, die Pferde vorzuführen, ließ sich Hut und Degen geben und ging aus dem Speisesaal hinaus, von allen Anwesenden gefolgt, mit Ausnahme von Massenbach.
Der hatte sich fest vorgenommen, sich heute durch nichts von der Stillung seines Appetits stören zu lassen, weder vom Kaiser Napoleon noch von irgendeinem anderen Engel des Gerichts! Er nahm also ruhig seinen Platz wieder ein und gab dem Hofmeister einen Wink – die Lakaien traten mit gefüllten Schüsseln an, und der Herr Generalquartiermeister nahm ihnen die Parade ab, revidierte aufs gründlichste, was sie an Proviant noch vorrätig hatten, und verschonte auch nicht die Batterie von Flaschen, die aufgefahren war! Indessen auf den Straßen der Lärm wuchs und den Ohren des schmausenden Helden das geeignete kriegerische Tafelkonzert lieferte.
Draußen sah es wüst aus. Der Markt war übersät mit fortgeworfenen Gewehren und Patronentaschen, deren sich die durchmarschierenden sächsischen Regimenter, von wilder Panik ergriffen, entledigt hatten. Auf der Saalebrücke war ein wirrer Knäuel von festgefahrener Artillerie und Munitionswagen, ein Schreien und Fluchen, um loszukommen, und schließlich ein rasches Davongaloppieren der Gespannpferde, nachdem die Fahrer die Stränge durchschnitten und sich in die Sättel geschwungen hatten. Durch alle Tore strömten Soldaten in die Stadt hinein, um durchs nächste wieder hinauszufluten; die Jenenser, von der allgemeinen Angst ergriffen, sperrten sich in ihre Häuser ein und gaben auch manchen von den wackeren Vaterlandsverteidigern einen Unterschlupf – ließen aber dafür die bei ihnen in Quartier liegenden Offiziere nicht hinein, um ihr Gepäck und ihre Pferde zu holen. Alles schien den Kopf total verloren zu haben. Einzig ein paar Regimenter der unter Tauentzien stehenden geschlagenen Avantgarde, die von Hof über Roda nach Jena gekommen waren, nachdem sie mit [pg 142]dem Feind handgemein gewesen waren und also wußten, wo er war und was sie an ihm hatten – einzig sie behielten die Fassung. An ihrer Spitze umritt denn Hohenlohe die Stadt, um die Friedensstörer, falls sie wirklich noch da waren, zu stellen und zu schlagen.