Der König wartete schon. Er bat die Generäle, sich vorläufig auf keine Kampfhandlungen einzulassen, da er dem [pg 165]Kaiser Napoleon geschrieben hätte und Waffenstillstandsverhandlungen in Aussicht ständen. Dann verabschiedete er sich vom General von Kalckreuth, dem er den Oberbefehl über sämtliche in Sömmerda stehenden Truppen übertrug, verbat sich das Geleit des alten, todmüden Herrn, ließ sich von Blücher hinausbegleiten, stieg mit seinem Gefolge zu Pferde und trabte davon.
Blücher, von stolzer Genugtuung erfüllt, blieb stehen, solange er noch die wogenden Reihen seiner roten „Kinder“ sehen konnte. Dann machte er kehrt und ging zum General Kalckreuth hinein, um die weiteren Maßnahmen zu besprechen.
Er fand den alten Herrn gänzlich gebrochen vor.
Im Lehnstuhl zusammengesunken, kaum noch atmend, saß er da und starrte wie entgeistert ins Leere hinaus.
An der Tür wartete ein eben angekommener Kurier.
Mit einer schwachen Handbewegung zeigte Kalckreuth auf den Boten und sagte tonlos: „Erfurt kapituliert! Möllendorf und Oranien mit zehntausend Mann unserer besten Truppen haben sich kampflos Murat ergeben! Die Zitadelle Petersberg auch!“
„Die Zitadelle auch?!“
Blücher schlug auf den Tisch, daß der alte Kalckreuth vor Schrecken fast vom Stuhle gefallen wäre. Er schrie, daß alles zusammenlief und bestürzt ins Zimmer drängte, denkend, die Generäle wären vom Feind überfallen worden – obwohl der Feind doch nicht, wie der leibhaftige Gottseibeiuns, durch den Schornstein zu kommen pflegte!
„Himmeldonnerwetter!“ schrie Blücher, „schlag diese Schufte tausend Millionen Klafter in die Erde hinein, die König und Land verraten – diese Memmen, die nicht den Mut finden, lieber zu sterben, als ewige Schande auf sich zu laden – diese hundsmiserablen Mummelgreise, die zu weiter nichts taugen, als alt und überflüssig zu werden und im Wege zu stehen! Ich hab’s kommen sehen! Ich hab’s gewußt! Da soll aber nur noch einer versuchen das Maul aufzutun, um von Kapitulation zu reden! Wer’s wagt, den [pg 166]erwürge ich mit diesen Händen. Und wenn mich darob der Teufel lebendigen Leibes dreimal holen würde – ich tu’s!“
Der alte Kalckreuth erhob sich auf zitternden Beinen bei der fürchterlichen Drohung. Bleich, abgehetzt, todmüde von dem Nachtmarsch und der vorhergehenden Schlacht, stand er da, die lebendige Illustration zu dem Worte Kapitulation, und sah schon halb erwürgt aus. Er öffnete die Lippen – aber ehe er noch etwas entgegnen konnte, meldete sich ein eben eingetroffener Kurier Hohenlohes, rapportierte, der Fürst sei wohlbehalten in Vippach und erbäte sich vom König Befehle.