Kalckreuth setzte ihm lang und breit die Verhältnisse auseinander, die ihn zwangen, besondere Rücksichten zu nehmen: die königlichen Prinzen, die in seiner Armee standen – die Garden, die er dem König unversehrt erhalten müsse, und schließlich, aber nicht zuletzt, des Königs Verbot, sich in einen Kampf einzulassen. –

„Was die Prinzen betrifft,“ antwortete Blücher, „so sind sie selbst sicherlich die letzten zu verlangen, daß hier kapitulieret wird, damit ihre Haut heil bleibt. Sie werden sich für die Ehre bedanken. Und der Kopf eines Gardisten ist nicht einen roten Heller mehr wert als der eines gemeinen Soldaten. Der König hat Kampfhandlungen verboten, sehr wohl! Aber er hat uns nicht befohlen, seine Truppen dem Feind auszuliefern. Noch weniger hat er uns untersagt, uns zu wehren, wenn wir angegriffen werden, oder den Franzmann zu werfen, wenn er sich uns in den Weg legt. Pulver und Blei haben wir genug, scharfe Säbel auch; sowie Leute, die dem Franzmann damit dienen können. Wer wird so dämlich sein, dem Franzmann da etwas anderes als blanke Hiebe zu geben?!“

Kalckreuth wollte noch etwas entgegnen. Ehe er aber dazu kam, erhob zum maßlosen Staunen Blüchers der Oberst von Massenbach seine Stimme – Massenbach, der bei Jena von seinem Opfer, Hohenlohe, getrennt worden war und jetzt plötzlich im Hauptquartier Kalckreuths zum Vorschein kam.

Dieser Unglücksmensch tat also sein wortreiches Maul auf und übersprudelte gleich von Gründen und Gegengründen und großzügigen Projekten, die gänzlich in den Wolken hingen.

Die Nutzlosigkeit jedes weiteren Kampfes stände ohne weiteres fest, die brauche er nicht noch darzutun nach den Niederlagen, von denen die preußische Armee betroffen worden war.

„Wozu noch mehr vergebliche Blutopfer! Wenn man unter den obwaltenden Umständen kapituliert, dann nimmt man nicht dem König eine Armee, sondern erhält sie ihm!“ sagte er dann und beantwortete die entrüsteten und erstaunten Ausrufe, die diese verblüffende Bemerkung begleiteten, mit einem selbstgefälligen und überlegenen Lächeln.

„Kapitulieren wir – ich wiederhole es –, dann erhalten wir dem König seine Armee! Denn der Kaiser Napoleon ist groß; er ist erhaben und edeldenkend; er ist nicht nur ein großer Feldherr und ein wahrhaft großer Mensch, sondern vor allem ein politisches Genie. Er will uns nicht vernichten, er will ein starkes, mit ihm verbündetes Preußen. Er wird, nach meiner festen Überzeugung, dem König seine Armee völlig intakt wiedergeben, wenn er nur weiß, daß sie nachher gemeinsam mit ihm gegen Rußland kämpft. Freilich wäre es dazu notwendig, daß wir uns jetzt erst politisch anders einrichten!“

„Herr, was redet Er da für einen Kohl?“ fiel ihm Blücher in die Rede.

Aber Massenbach reckte seine kleine Gestalt auf, setzte die Stumpfnase hoch und versuchte auf den viel längeren Blücher verächtlich herabzusehen.

„Ich deklariere,“ sagte er mit Nachdruck, „die Allianz mit Rußland ist unser sicheres Verderben. Wer dem Staat redlich dienen will, muß den König daran zu hindern suchen. Rettung für den Staat ist nur noch in einer Allianz mit den Franzosen zu finden!“