Eben die Offiziere, die einst so mutvoll an den Stufen der französischen Gesandtschaft ihre Säbel gewetzt hatten, eben die mußten jetzt, dieser Säbel beraubt, an dem Ort ihrer Tat gefangen vorüberziehen, um so ihren einstigen Übermut zu sühnen.
Und derselbe Pöbel, der ihnen damals zujauchzte und noch lauter als sie Frankreich verwünschte – derselbe Pöbel pfiff sie jetzt aus, beschimpfte sie, verlachte sie, bewarf sie mit Kot aus dem Rinnstein und mit unflätigen Zurufen, und gab ihnen die Schuld an dem Krieg und an der Niederlage und an der ganzen Schmach, die über das Vaterland hereingebrochen war. Er hätte sie in Stücke gerissen, hätten nicht die französischen Grenadiere in der Aufrechterhaltung der Ordnung eine geübte Hand gehabt.
Man erhob sich zum Richter, vergaß darüber, wie sooft, die eigene Schuld, und machte sich dadurch erst recht mitschuldig! –
Der Sieger aber, der die Geschmacklosigkeit gehabt hatte, die in ehrlichem Kampfe überwundenen Feinde wie eine Herde gefangener Barbaren im Triumphzuge der Cäsaren mitzuschleppen, er zog weiter nach dem Schloß, empfing dort die sogenannte „Intelligenz“, charmierte, poussierte, kokettierte mit dem Allerweltsbürgertum, das auch hier in Berlin seine üppigsten Blüten trieb, alles bewitzelte, alles verspottete, und vor allem jedes patriotische Gebaren ins Lächerliche zog.
Er teilte Auszeichnungen aus, er ordnete die Verwaltung der Stadt, ernannte Gouverneure, Kommandanten, Richter und Polizeichef, empfing Deputationen und hervorragende Persönlichkeiten der Literatur, der Kunst und der Geldaristokratie, lauter französelnde Weltbürger und hypergebildete Kulturfexe, amüsierte sich über ihre plumpen Schmeicheleien, ließ sich ruhig anhimmeln und quittierte für die Kriecherei, indem er dem besiegten Vaterland jener Vaterlandslosen eine sofort zu entrichtende Kriegskontribution von hundertneunundfünfzig Millionen Mark auferlegte und rücksichtslos einzutreiben befahl. Er verstand den Spaß und wußte eben, was Siegen heißt!
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„Sagen Sie mal, Herr Kamerad,“ sagte der Major von der Marwitz, der Adjutant Hohenlohes, zum Kapitän von Tippelskirch vom Generalstab, gerade als dieser den Fuß in den Steigbügel setzen wollte, „sagen Sie mal, ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß die kleinsten Ursachen oft die größten Wirkungen haben, und daß, insbesondere in der Weltgeschichte, Begebenheiten von den weittragendsten Folgen, von denen das Schicksal von Nationen abhängt, meistens durch ganz nebensächliche und sonst gleichgültige Umstände herbeigeführt werden?“
„Ich gebe zu, ich habe schon manchmal darüber nachgedacht!“
„Dann werden Sie sich nicht wundern, daß ich jetzt behaupte: wenn wir hier kapitulieren müssen, und ich sehe es schon kommen – –“
„Ich kapituliere nicht – ich reite dann eher davon!“ rief der Kapitän lebhaft.