„Ja, aber nur denken! Denn er nimmt die letzte Zeit auf seine Patrouillenritte niemand mit! Er rekognosziert immer allein. Und wissen Sie warum?“

„Nun?“

„Um ohne Zeugen zu sein! Ich habe die Überzeugung gewonnen – und ich möchte beinahe darauf schwören, daß es sich so verhält –, ich habe also die Überzeugung: er unterschlägt wegen der Schmerzen in der Milz den ganzen Ritt, setzt sich irgendwo im Gebüsch hin und kommt dann nach einer Weile wieder mit den wahnsinnigsten Rapporten! Nur so habe ich mir all die merkwürdigen Beobachtungen erklären können, die er gemacht haben will. Er hat sie eben nicht gemacht. Er hat sich gesagt: ‚Es könnte so sein, es könnte aber auch so sein! Nehmen wir also das ‚auch so‘ für sicher! Warum sollte ich mit meinem Scharfblick nicht eine Entfernung ohne Vermessen einschätzen können? Brauche ich eine Brücke, ein Defilee, einen Paß zu sehen, um zu wissen, daß sie da sind? Und was den Feind betrifft, daß der hinter uns her und vor uns und überall ist – wer würde wagen, das von den Franzosen zu bezweifeln? Um das festzustellen, dazu brauche ich keinen Ritt zu machen! Das weiß man auch so! Wer kontrolliert’s mir übrigens? Keiner! Und wenn schon – der Fürst glaubt mir aufs Wort! Die anderen Kerls können mir was! Wozu sich schinden?‘ So wird er räsoniert haben!“

„Das hat allerdings etwas für sich“, sagte der Kapitän von Tippelskirch und schlug sich mit der Reitgerte auf den Stiefel. „Mir war es auch merkwürdig, wie er so gar nicht mehr die Entfernungen einschätzen konnte! Denn der Kerl ist nicht dumm! Und kann er auf einmal nicht mehr rechts von links unterscheiden, so liegt’s nicht am Sehvermögen, auch wird er nicht so ganz auf den Kopf gefallen sein. Schließlich muß er doch auch als Generalquartiermeister die Karten kennen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe da so etwas wie bösen Willen walten! Der Kerl hat etwas vor!“

„Wissen Sie, Herr Kamerad,“ sagte von der Marwitz zögernd, „ich mag ihn auch ganz und gar nicht. Aber Gerechtigkeit muß sein. An bewußten Verrat glaube ich nicht. Dazu wäre er meines Erachtens auch dann nicht imstande, wenn er die Neigung hätte, denn er ist zu feige. Er ist ein unbedeutender Kopf, der zu Einfluß gelangt und übergeschnappt ist, so daß er sich nur noch mit großen weltbewegenden Plänen abgibt, die er weder fassen noch bewältigen kann. Da passiert es ihm eben, so in Gedanken zu sein, daß er rechts und links verwechselt, falsche Rapporte bringt und verkehrt disponiert. Wir haben’s dann auszufressen, sitzen in der Klemme und müssen verhandeln.“

„Das müssen wir eben nicht! Und wenn ich sehe, daß das losgeht, dann reite ich davon. Wenn Sie mitkommen, soll es mir lieb sein.“

„Ich überlege es mir noch!“

Der Kapitän sprang in den Sattel und legte die Zügel in der Hand zurecht.

„Er ist aber doch ein ausgemachter Franzosenfreund“, sagte er ärgerlich. „Sie haben doch selbst gehört, wie er gegen das Bündnis mit Rußland wetterte. Sie waren doch dabei, als er erklärte: In dem Augenblick, wo wir uns mit Rußland alliieren, verläßt er die preußischen Dienste und geht ins Französische!“

„Ich weiß. Ich habe ja selbst im ersten Ärger dem Fürsten gesagt, er müsse wegen dieser Äußerung erschossen [pg 184]werden. Aber der Fürst hat mich ausgelacht. Massenbach wäre nicht ernst zu nehmen, sagte er. Und dabei nimmt er ihn selbst verteufelt ernst und läßt sich von ihm total beherrschen.“