Wie der Magnet das Eisen, so zog der alte Haudegen alles Tüchtige an sich, sonderte es so von allem Untauglichen und brachte es an den Tag. Und das war schließlich nicht das am wenigsten Wichtige in seiner Lebensleistung!
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Zwei Welten
„Nun, Monsieur Roustan, wenn man Ihnen von der Redaktion des Courrier français wieder einen Interviewer schickt, um Ihre Ansichten über das Stück Langeweile zu erforschen, das wir hier in den polnischen Sümpfen aufführen, was würden Sie antworten?“
Roustan, der Leibmameluck des Kaisers, pflanzte sich breitbeinig mitten im Zimmer auf, steckte die Hände in die Taschen seiner weiten Pumphosen, warf sein turbanverziertes Haupt zurück, gähnte, als wollte er den Kronleuchter verschlucken, drückte dann sein glattrasiertes Kinn in das Halstuch hinein und bohrte seine Blicke verächtlich in sein Gegenüber.
„Ich würde,“ sagte er, „dem Herrn vom Courrier français genau das gleiche antworten wie Ihnen, Monsieur Constant, daß man hier in diesem verfluchten Nest überhaupt keine vernünftigen Ansichten haben kann!“
„Sie sind eben verwöhnt, Monsieur Roustan!“ sagte Constant und drehte seine schlanke Figur vor dem Spiegel, schlug ein paar Staubkörner vom Ärmel seines grünen, goldgestickten Rockes, zupfte das Spitzenjabot über der weißen Weste zurecht, nahm aus der Tasche seiner schwarzen Atlashose eine Handvoll Goldstücke, ließ sie von einer Hand in die andere rieseln und steckte sie wieder ein. „Sie verlangen Opern, Schauspiele, Hoffeste, Sie wollen Ihre tägliche Suite von Bittstellern, die durch Sie an den Kaiser heranzukommen hoffen, Sie wollen Ihre goldene Ernte, Ihre Geschenke – –! Sie können aber nicht verlangen, in jedem polnischen Nest ein Paris zu finden! Sie können nicht erwarten, täglich hier von Malern um Sitzungen bestürmt – oder von Frauen um Rendezvous – oder von Fremden als größte Sehenswürdigkeit der Residenz angestaunt zu werden! Das strengt schließlich auch an, wenn es auch ein hübsches Stück Geld einbringt! Sie müßten froh sein, ein paar Monate mit dem Betrieb aussetzen zu können! – Oder gehört es zu Ihren unumgänglichen täglichen Lebensbedürfnissen, jeden Morgen im Courrier français ‚Roustans Eindrücke‘ von den Tagesereignissen zu lesen? Glauben Sie, wir können Europa nicht erobern, ohne daß Sie Ihren journalistischen Senf dazugeben?“
„Sie sind neidisch, Constant“, erwiderte Roustan. „Sie wissen, daß ich für Journalisten nicht zu sprechen bin. Einmal nur habe ich mich dazu hergegeben, nach der Premiere der Oper La Caravane mich ausfragen zu lassen. Das war Pflicht. Denn die Wüste, die man auf der Bühne hingestellt hatte – – ich sage Ihnen hahnebüchen, direkt hahnebüchen! – Das verstehen aber die Pariser nicht! Da habe ich, als einzige Wüstenautorität – nun, die Würde werden Sie wohl uns Mamelucken nicht abstreiten können –, da habe ich der feinen Welt von Paris die Wüste klargemacht. Denn man applaudiert nicht bei einem derartigen Schwindel! – Aber wozu davon reden? Das alles ist Kinderei. Wenn ich mich von hier fortsehne, hat das ganz andere Gründe!“
„Sie sind eben undankbar, Roustan! Sie dürfen täglich [pg 207]um den größten Mann der Welt sein. Sie dürfen dabei sein, wo Weltgeschichte gemacht wird, dürfen aus nächster Nähe zusehen, wie die Welt gelenkt wird! Sie werden von Tausenden um diesen Vorzug beneidet, und Sie interessieren sich so wenig, daß Sie keine Ansichten haben.“
„Nehmen Sie ruhig an, Monsieur Constant, daß es nichts als Diskretion ist“, brummte Roustan gleichgültig, nahm seinen blauroten Turban ab und strich dessen Reiherfeder zurecht. „Sie fühlen sich doch auch nicht wohl in diesem Polennest, wo’s nichts als Morast, Regen, Nebel und Kälte gibt, wo keine Menschen, die man Menschen nennen kann, zu sehen sind, außer unseren Soldaten, wo’s überhaupt kein Leben gibt, kein Treiben, kein Theater, keine Feste!“