„Seit wann,“ lachte Roustan, „seit wann ist es Brauch geworden, in Liebessachen den Hühneraugenoperateur zu konsultieren?“
Constant antwortete nicht, sondern wandte sich mit strenger Miene dem Neuangekommenen zu.
„Sie haben uns lange warten lassen, Herr König!“ sagte er kurz in gebieterischem Tone. „Sie hätten bei einigem Diensteifer schon vorige Woche hier auf Finkenstein sein können. Wo sind Sie solange geblieben? Haben Sie die Gelegenheit benutzt, sich erst in Ihrer deutschen Heimat umzusehen?“
„Was Heimat“, kreischte der sonderbare Mann in verdrießlich schnarrendem Ton. „Ich habe keine Heimat, ich pfeife auf derartige Sentimentalitäten! Paris ist mir auch [pg 209]keine Heimat. Paris ist der Platz, wo ich mein Geschäft betreibe. Und was das betrifft, daß ich hier zu spät komme, so läßt mich das kalt. Wo in aller Welt käme wohl ein Hühneraugenoperateur früh genug? Erkundigen Sie sich übrigens bei den Postillionen, die mich gefahren haben, wenn Sie neugierig sind. – Fragen Sie die Soldaten, die meinen Wagen zwei Tage lang in dem Loch stecken ließen, in das wir hineingeraten waren, und die sich auch dann noch nicht beeilt haben würden, meinen Wagen aus dem Dreck zu ziehen, wenn nicht der Wagen des Marschalls Lefebvre sonst nicht hätte vorbeikommen können. Nichts hat bei den Lausekerls geholfen, keine Bitte, kein Trinkgeld –“
„Nun, wenn der Herr Doktor Tobias König ein Trinkgeld verspricht, dann rühre ich mich auch nicht!“ sagte Roustan, der seine Erfahrungen in diesen Dingen bei hoch und niedrig zu machen pflegte. „Da bleibt’s für gewöhnlich beim Versprechen.“
„Auf Ehre!“ rief der kleine Kerl. „Ich habe die Börse gezogen – ich habe ihnen Geld gezeigt – schönes rundes Geld –, vollwichtiges Goldgeld!“
„Goldgeld! Ha, ha!“ lachte Roustan!
„Die haben gelacht wie Sie“, fuhr der andere fort. „Sie haben gesungen, sie sind weitergezogen und haben mich sitzenlassen. Da habe ich ihnen nachgerufen: ‚Auf Befehl des Kaisers –‘, aber sie haben auch dann nicht Hand angelegt, sie haben bloß gefragt: ‚Wer bist du denn?‘ Und da werde ich nicht so dumm sein, zu sagen, ich bin Tobias König, der kaiserliche Oberhoffußarzt – ich habe mich schön gehütet! Einen Juden würden die nur tiefer in den Morast gestoßen haben! Ich habe mich damit begnügt, mich in meinen Mantel zu hüllen, ich habe eine gestrenge Miene aufgesetzt, mich in die Wagenecke gedrückt und mit aller Würde gefragt:
‚Wißt ihr nicht, wer ich bin? – Ich bin der Fürst Talleyrand, der Minister des Auswärtigen.‘ Da haben sie noch mehr gelacht. ‚Nun, wenn du so ’ne miserable Politik machst, daß wir in diesen polnischen Morästen monatelang stecken[pg 210]bleiben, dann schadet’s dir nichts, wenn du auch selbst drin sitzenbleibst!‘ Und sie haben gelacht und sind weitergegangen!“
„Nun,“ sagte Constant, „die Wege sind allerdings nicht berühmt. Wir wollen Ihre Entschuldigung für diesmal gelten lassen. Aber ein anderes Mal werden wir nicht so gutmütig sein. Jetzt werde ich den Kaiser wecken. Warten Sie hier, Monsieur König! Wenn wir Sie heute benötigen, werden wir Sie rufen!“