Der König hatte ihn umarmt und geküßt und sich hilflos nach einem Orden für ihn umgesehen.
„Haben keine Sterne mitnehmen können bei der eiligen Abreise!“ sagte er.
Hardenberg half dann mit seinem Schwarzen Adler aus, und der König heftete ihn selbst Blücher an die Brust.
Blücher fing dann an schwarz zu malen und gab eine erhebende Schilderung von dem hoffnungslosen Zustand der französischen Armee, die man mit Leichtigkeit vernichten könnte, wenn man es jetzt sofort versuchte.
„Majestät,“ sagte er, „ich steh’ mit meinem Kopf dafür ein. Wenn ich nur dreißigtausend Mann unter meinem Befehl habe, dann durchbreche ich die französischen Linien und werfe den Feind wenigstens bis auf die Oder zurück. Ich bin mit offenen Augen durch das von ihm besetzte Gebiet gekommen. Seuchen überall, Mangel an Proviant, Mangel an Munition; die Leute marode und deprimiert von dem ungewohnten Klima; die Wege entsetzlich! In den nächsten vier Wochen können keine Verstärkungen zur Stelle sein! Wenn wir jetzt dazwischenfahren, dann sind sie vernichtet – dann kommt’s zu einer Katastrophe, die dem Krieg eine neue Wendung geben und unseren Leuten den Nacken wieder steifen wird! Wir werden, wenn wir jetzt den Coup wagen, überall, in Hessen, am Rhein, in der Mark, Aufstände haben, wir werden die Franzosen über den Rhein zurückjagen, und daran wird’s nicht fehlen. Glauben Majestät, daß der Kaiser Napoleon nach seinen großen Siegen über uns um den Frieden bitten würde, wenn er es nicht bitter nötig hätte? Nein! Ich habe ihm in die Seele geschaut! Eine Stunde lang hat er auf mich eingeredet – viel habe ich nicht davon verstanden! Aber so viel habe ich begriffen: er schwefelte mir so eifrig vor von der Notwendigkeit für uns, einen Separatfrieden zu schließen, daß ich von der Notwendigkeit für ihn überzeugt wurde! Und ebenso eifrig wie er selbst waren seine Leute. Wo aber der Franzose so liebenswürdig wird, da will er auf diese Weise immer etwas ergaunern, was er anders nicht bekommen kann. Sonst wäre er der letzte, sich die Mühe zu geben, sonst nimmt er, was ihm beliebt und wie’s ihm beliebt und fragt nicht erst nach der Meinung anderer!“
Es wurde die alte Geschichte.
Der König sah es wohl ein – der General mochte schon recht haben –, es wäre nicht ausgeschlossen, jetzt durch einen kühnen Handstreich einige Vorteile über den Kaiser der Franzosen zu gewinnen! Nach der Schlacht bei Eylau war er ja schon bedeutend entgegenkommender geworden! Allein man dürfe nicht sein Letztes auf eine Karte setzen! Die [pg 236]Armee war bis auf fünfundzwanzigtausend Mann zusammengeschmolzen: allein könnte man nichts gegen die Übermacht unternehmen – man wäre sowieso von der Hilfe der Russen abhängig. Es wäre also das richtigste, zuerst mit dem Kaiser Alexander zu reden – wenn er den Plan Blüchers billigte, so würde der König auch nicht dagegen sein! Er, Blücher, sollte sofort zum Kaiser mitkommen!
Das war für diesmal schon viel erreicht. Guten Muts folgte Blücher dem König nach dem Quartier des Kaisers Alexander.
Dieser war gleich Feuer und Flamme.
Gewiß! Das wäre ja glänzend, das wäre brillant! Das müsse gemacht, das würde sofort ins Werk gesetzt werden! Darauf könne sich Blücher verlassen, und die verlangten Truppen bekäme er! Der Kaiser sagte dem General noch die schönsten Komplimente und Schmeicheleien für seinen mutigen Rückzug nach Lübeck, und bedankte sich sehr für den außerordentlichen Dienst, den Blücher der russischem Kriegführung dadurch geleistet hatte, daß er die Franzosen so lange vom Osten abzog. Er war so aimabel, so charmant, wie es nur ein russischer Gardeoffizier sein kann. Seine Begeisterung war so soigniert, so wohlgepflegt und ohne Überschwang, seine ganze Art, sich zu geben, so korrekt und elegant, daß Blücher ganz übel zumute wurde.