Das wäre ihm nicht unwillkommen, sagte dann der Renegat, ohne die Hand aus der Weste herauszunehmen. Er [pg 238]würde sich sogar freuen, käme er bald aus diesem elenden Ostpreußen wieder in seine geliebte russische Heimat zurück.

„So, auf die Weise?“ versetzte Blücher dann und rief den anderen Offizieren, die mitgekommen waren, zu:

„Kommt, Kinder, hier haben wir nichts zu suchen! Wir sind verraten und verkooft!“

Er drehte Bennigsen den Rücken und ging und fluchte, weil wieder eine gute Gelegenheit versäumt wurde, wo durch rasche Entschlossenheit und schnelle Tat alles gewonnen werden konnte. Aus seinem schönen Husarenstreich wurde nichts.

Aber trotz alledem wurde am nächsten Morgen drüben bei den Franzosen Alarm geblasen und ein Hallo gemacht, als würde die Welt aus den Angeln gehoben.

„Die Russen sind da! Die Preußen rücken an und fallen uns in die Kantonierungen!“ schrie alles durcheinander. Die Trompeten schmetterten, die Trommeln schlugen, Adjutanten und Stafetten flogen hin und her, man schrie, kommandierte, fluchte und schimpfte.

Napoleon war außer sich über seine Gutmütigkeit, den alten Haudegen Blücher so leichten Kaufes entlassen zu haben! Der war sicherlich nicht mit geschlossenen Augen durch die französischen Linien gekommen! Der war der rechte Mann, eine gute Gelegenheit auszunützen! Der kümmerte sich den Teufel um schlechte Wege und Unbill des Wetters, auf die sich das französische Feldkommissariat stets herausredete, nicht zum mindesten jetzt, wo es außerstande war, Munition, Kanonen und frische Truppen heranzuführen – vom Proviant gar nicht zu reden!

Die ganze Kavallerie sollte heraus, dem Feind entgegen und ihn aufhalten, bis die anderen Truppen, die noch in ihren Quartieren zerstreut lagen, versammelt wären.

Kaum befohlen, klabasterten die kleinen Chasseurs wie die Deubels gegen die Passarge los, von wo man die ganze Nacht ein Geschrei und Getöse gehört hatte, als wäre die große russische Armee eben im Begriff, über den Fluß zu gehen.

Mit altgewohntem Elan ritten sie gegen die ungebetenen Gäste auf, die Karabiner schußbereit, die Lanzen geschwungen. So kamen sie an das Ufer der Passarge, ohne einen Schuß abzubekommen – hielten mitten im tollsten Ansturm inne, sperrten die Augen und die Mäuler auf und dachten an alte Märchen von Wassernixen, die als Schwäne vermummt das Weite suchen, wenn Gefahr naht, und wunderten sich, wo die Moskowiter auf einmal das Fliegen gelernt hatten, und wie die schmutzigen, bärtigen Kerls so schneeweiß wie die Engel gen Himmel schweben konnten, wo sie doch eigentlich wie die Teufel aussehen müßten und in die Hölle gehörten! Denn zu Tausenden und aber Tausenden flogen bei Sonnenaufgang mit lautem Getöse wilde Schwäne von der Wasserfläche auf, zogen ihre weiten Kreise, stiegen ohne Aufenthalt ins Blaue hinein und ließen unten Lanzenreiter und Chasseurs mit gestreckten Hälsen sitzen und gaffen und das große Wunder des hereinbrechenden Frühlings anstaunen, gegen das kein Kaiser und kein König mit seinen Rossen und Reisigen aufkommen kann, wie gewaltig und mächtig er auch ist.