Der Königin war es peinlich, in ihrem Salon so offenen Tadel über Leute zu hören, unter denen es doch manchen verdienten Mann gab. Sie unterbrach den General.

„Sie wollten mir doch von Ihren eigenen Taten erzählen“, sagte sie, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken.

„Zu Befehl!“ sagte Blücher. „Ich war auch dabei, alleruntertänigst von den Taten zu referieren, die ich wohl planen, aber noch nicht ins Werk setzen durfte!“

Die Königin empfand den unausgesprochenen Vorwurf gegen den König, der in der Antwort verborgen war, und antwortete nicht, blickte auch nicht von ihrer Arbeit auf.

Blücher benutzte rasch die Gelegenheit, wickelte unterm Tisch den Leinwandstreifen vom Finger ab und ließ ihn wie die anderen schnell verschwinden. Aber doch nicht so schnell, daß es die Königin nicht sah.

Sie lächelte wieder und blickte ihn an.

„Wir verstehen wohl, worauf Ihre letzten Worte hindeuten“, sagte sie gnädig. „Uns sowohl wie dem König wäre es auch lieber, Ihren Mut und Ihre Einsicht in geeigneterer Weise betätigt zu wissen, als es jetzt leider der Fall sein kann. Wir bedauern am meisten, daß Sie nicht hoch zu Roß, an der Spitze einer Armee, gegen die Eindringlinge vorstürmen können. Am König und an mir liegt’s nicht, wenn Ihren Wünschen nicht stattgegeben werden konnte. Ich meinerseits kann Sie also heute nur so beschäftigen wie jetzt und dazu den Vers machen: Kommt Zeit, kommt Rat! Aber Sie haben kein Leinen mehr, lieber General – hier!“ und sie reichte ihm höchstselbst wieder einen neuen Streifen.

Er nahm ihn gehorsamst, dankte alleruntertänigst, zupfte an seinem Schnurrbart, blickte melancholisch in seine Teetasse und sehnte sich unchristlich nach einem guten Rotspon und einer Pfeife echten Knasters, fand sich aber dann in die Plage, schlürfte gottergeben seinen Tee und zupfte einen Faden – zupfte gar zwei.

„Halten zu Gnaden,“ sagte er dann plötzlich und ließ die Hand aufs Knie sinken, „wollen Majestät gnädigst verzeihen, wenn ich trotz dem Gesagten es doch wage, Majestät um Allerhöchstdero Vermittelung beim König anzuflehen! Denn noch ist es nicht zu spät, gegen den Franzmann vorzugehen! Noch ist die Gelegenheit gut!“

„Zeigen Sie Ihren guten Willen, zupfen Sie brav!“ sagte die Königin scherzhaft, ohne auf den ernsten Ton des Generals einzugehen. Denn sie hatte wiederum gesehen, wie der spitzbübische Alte einen ihrer kostbaren Leinwandfetzen in seine Säbeltasche schmuggelte. „Sie müssen mir noch einen ganzen Haufen Scharpie abgeben. Wer weiß, welche Ritterdienste Ihrer noch harren, wenn Sie die Probe mit Glück bestehen!“