Blücher war aber einer schönen Dame gegenüber niemals auf den Kopf gefallen, auch nicht, wenn es eine Königin war. Er stand also auf, verbeugte sich galant, nahm der Königin rasch wieder seine ersparten Leinwandstreifen ab, drückte sie gegen sein Herz und sagte: „Halten zu Gnaden, Majestät, wenn ich diese Leinwandstreifen an mich nahm, so war es keinesfalls, um sie zu Hause noch in Scharpie zu verwandeln, vielmehr, um sie davor zu bewahren. In der Armee gibt’s so manchen ritterlich gesinnten jungen Mann, der jederzeit bereit ist, mit Freuden Blut und Leben für sein Königshaus und seine Heimat zu opfern. Unter all den jungen Leuten gibt’s aber keinen – wie auch unter uns alten nicht –, der nicht das Bild unserer liebreizenden Königin im Herzen trüge. Sie ist in Wahrheit unsere Schutzheilige geworden. Und deshalb wollte ich den kühnsten unter den wackeren Streitern diese Streifen verehren, auf daß sie sich damit schmücken wie früher der Ritter, wenn er in die [pg 246]Schranken ritt, die Farben seiner Herzensdame am Helm, und so zu immer größeren Heldentaten entflammt werden.

Das dünkt mich der Sache unseres Vaterlandes nützlicher, als wenn daraus Scharpie gemacht wird!“

„Uns aber nicht“, sagte die Königin, die ein leichtes Erröten bei den Worten des alten Schwerenöters nicht unterdrücken konnte. „Wir freuen uns über die Zuneigung, die aus Ihren Worten spricht, Herr General, sind aber nicht so eitel, für unsere Person Ritterdienste anzunehmen, die einzig und allein dem Lande zu gelten haben. Die Leinwandstreifen geben Sie mir nur wieder her. Wir haben dafür etwas anderes, das wir Ihnen in die Säbeltasche hineintun möchten, damit Sie doch nicht ganz leer ausgehen. Hier –“, sie entnahm einem, auf einer Konsole neben ihr stehenden Nähkorb einen Brief und reichte ihn Blücher. – „Nehmen Sie das mit, aber lesen Sie’s erst, wenn Sie zu Hause sind! Der König gab es mir für Sie! Er schreibt Ihnen hoffentlich viel Erfreuliches drin! Und nun wollen wir Sie für heute nicht länger in Anspruch nehmen. Sie werden neugierig sein und wissen wollen, was in dem Briefe steht!“

Sie reichte Blücher die Hand, und er küßte sie, verbeugte sich tief und ging.

Schon im Vorzimmer erbrach er das königliche Schreiben.

Es enthielt die Ernennung zum Kommandanten eines neu zu bildenden Korps, das von Pommern aus, mit schwedischen und englischen Hilfstruppen vereint, im Rücken der französischen Armee operieren, so die Bewegungen der Hauptarmee erleichtern und womöglich auch die beiden Festungen Kolberg und Danzig entsetzen sollte.

Die Ernennung erfolgte auf ausdrückliches Ersuchen des Königs Gustav Adolf von Schweden, der den General Blücher gern zum Befehlshaber des verbündeten preußischen Kontingents haben wollte.

„Da wären wir gewissermaßen wieder in schwedischen Diensten angelangt“, sagte Blücher, steckte das Schreiben ein und verließ das Schloß, nicht gerade erfreut. Ihm wäre es lieber gewesen, schon jetzt und in ganz anderer Weise den [pg 247]großen Wurf gegen Napoleon zu wagen, der so mit Händen zu greifen und gar nicht zu verfehlen war.

Dagegen dünkte ihn jenes Kommando in Schwedisch-Pommern wie eine Verbannung.

*