Er lauschte also ein paar Sekunden den Auseinandersetzungen Friedrich Wilhelms – gerade so lange, wie nötig war, um zu kapieren, daß der König ihn an ihre vorjährige Begegnung in der Garnisonkirche zu Potsdam mahnte und [pg 252]auch an den feierlichen Treuschwur, den sie über dem Sarg des Großen Friedrich geleistet hatten!
Mein Gott, es war ja eine ganz hübsche Szene gewesen! Gutes Theater! Das verstand er! Das hatte er gelernt!
Man macht nicht umsonst eine Schule durch, wie er, der Zar, sie hatte durchmachen müssen!
Wenn je einer, so hatte er gelernt, mit dem Tod im Herzen sich lächelnd und heiter zu zeigen und mit den Lippen zu scherzen, obwohl er bei jedem Schritt den Strick um den Hals fühlte! Stets den einen Fuß im Gefängnis, den anderen im Tanzsaal – stündlich vom väterlichen Zorn den Tod erwarten und doch den gehorsamen Thronerben und den liebenden Sohn herauskehren zu müssen! Den liebenden Sohn – einem Vater gegenüber, den er hassen mußte, weil er ihm ans Leben wollte, und dessen Entthronung er schließlich hatte gutheißen müssen, um das eigene Leben zu retten.
Daß der Vater dabei sein Leben verlor – mein Gott, das war ja zu beklagen! Er hätte ihm schon das Leben gegönnt! Von ihnen beiden hatte nicht er dem Vater – der Vater hatte ihm ans Leben gewollt! – Und wenn der alte Herr dabei sein eigenes verloren hatte?! Nemesis!
Im Leben wie auf der Bühne – alles Theater! Nur seine Rolle tadellos spielen! Darauf kam alles an! Das hatte er auch der lieben Mama gegenüber gekonnt, die so gern regieren wollte und so böse war, als die Garden ihm und nicht ihr nach dem Tode des Vaters huldigten. Wie hatte er sie dabei gebeten, ihm doch die Last der Krone abzunehmen! Und wie brav fiel sie darauf herein! Sprach ihren Herzenswunsch aus und gab sich ihm so in die Hand! Eine Komödie, wie sie im Buche steht!
Er würde auch heute seine Rolle gut spielen! Kein Wort von Politik sprechen! Er würde den Korsen ganz leichthin über die Pariserinnen befragen! Er würde ihm von den schönen Russinnen vorschwärmen – beileibe nicht von Preußen! Wozu auch von Preußen! Wozu von ernsten Dingen! Man hatte ja seine Minister! Man käme doch zusammen, um sich [pg 253]persönlich kennenzulernen – sich gegenseitig in die Karten zu sehen –, nicht aber, um gleich alle Trümpfe auf den Tisch zu legen und offen zu spielen.
Er wollte Napoleon mit hübschen Histörchen geschickt und elegant einwickeln – sein Vertrauen gewinnen und dann, so ganz nebenbei, ihm praktische Zugeständnisse entwinden, die er sich nicht weigern könnte zu machen, wenn er als guterzogener Mensch und als Mann von Welt etwas gelten wollte.
Er würde ihm von seiner Jugend erzählen – von der Jugend eines Zaren. Den ehemaligen kleinen korsischen Artillerieleutnant, der sich so recht und schlecht durchgehungert hatte, müßte das doch interessieren! Er würde ihm Intimitäten von der Großen Katharina zuflüstern, von der lieben Großmama, die so gut für ihren Enkel zu sorgen wußte, die ihn schon als Knaben vom Baum der Erkenntnis naschen ließ, ihm hübsche Freundinnen zuführte und ihn lehrte, bei all den geheimen Schleckereien am vollgedeckten Tische der Liebe doch stets den Schein nach außen hin zu wahren, sich niemals erwischen zu lassen, sondern sich stets als Musterknabe Geltung zu verschaffen. Die Großmama, die hatte es verstanden! Die hatte ihm geholfen, den lieben Papa an der Nase zu führen! Von ihr wollte er Napoleon erzählen und dann von sich selbst! Vor allem von sich selbst als Heerführer!
Das würde ein Spaß werden! Er würde Napoleon von den Schlachten erzählen, die sie miteinander geschlagen hatten! Von Austerlitz vor allem! Vom Kriegsrat seiner Generäle vor der Schlacht! Zum Wälzen war es, wie der alte Kutusoff dasaß und prompt wie immer einschlief, als die Beratung begann! Wie die anderen Leuchten dann, der Fürst Bagration, Buxhövden, Langeron et tutti quanti – wie sie da herumstanden, sich von allem möglichen unterhielten und gar nicht zuhörten, was der biedere Deutsche, der General Weihroter, an der Hand der Karte Mährens zu erzählen wußte – wie sie gar nicht hinsahen – gar kein Deutsch verstanden! Nur Doktorow, der gute, der gewissenhafte, der [pg 254]bodenlos langweilige, er hörte zu, er begriff! Wie aber dann Kutusoff erwachte, auf den Tisch schlug und „Karascho!“ sagte – „das haben Sie gut gemacht, Weihroter! Meine Herren Generäle, Sie haben’s gehört? Sie haben’s verstanden? Nicht?! Ein Generalstabsoffizier soll’s also ins Russische übersetzen! Ein jeder soll es schriftlich in Händen haben! Und jetzt zu Bett!“