Und dann bekamen sie’s schriftlich – vier Stunden nachdem die Schlacht schon begonnen hatte!

„Napoleon hat ja gar keine Ahnung, wie leicht wir ihm das Siegen gemacht haben! Er hat ja keinen Begriff von meinen Generälen! Von meinem Marschall Kamenski, der verrückt wurde, als er zur Armee nach Wilna kam und den Truppen sagte: Kinder, ihr seid verraten, am besten, ihr lauft gleich nach Hause! Und der selbst dann auch sofort mit gutem Beispiel voranging. So fingen wir den Krieg mit Napoleon an! Und davon weiß er nichts! Er glaubt, er hat da etwas noch nicht Dagewesenes geleistet, als er uns schlug! Er sieht nicht, daß wir nur gescherzt haben! Das werde ich ihm aber gehörig unter die Nase reiben – dann wird er klein, dann wird er die Ohren einziehen. Und dann werde ich ihm sagen: ‚Den russischen Soldaten, Sire, den haben Sie erst gesehen! Aber ihn noch nicht kennengelernt, wenn er Ernst macht! Wir können auch Ernst machen, Sire! Aber wir wollen uns lieber vertragen!‘“

So leger – so von oben herab! Ich schone ihn – das wird der richtige Ton! – Nicht als Supplikant – als der Herr des größten Reichs der Erde – als der geborene Sieger – – der sich nur aus Höflichkeit, aus guter Erziehung schlagen ließ – der sich nur nicht damit abgeben wollte, ihn jetzt schon zu vernichten, weil, nun eben weil ich sein Genie bewundere! So wird’s recht!

Ein Adjutant trat ein und meldete, daß die Uhr jetzt halb eins wäre, und daß man um ein Uhr vom Kaiser der Franzosen erwartet würde.

Alexander stand auf, reichte seinem Bundesgenossen die Hand, versprach hoch und heilig, alles das getreulich bei seiner [pg 255]Unterredung mit Napoleon zu berücksichtigen, wovon der König von Preußen jetzt lang und breit gesprochen und wovon der Zar kein Wort gehört hatte – gab noch sein Ehrenwort, nichts davon zu vergessen – was ja auch nicht gut möglich war, da er nichts davon im Kopfe hatte –, verabschiedete sich mit brüderlichem Händedruck, sprach die Erwartung aus, nach der Unterredung mit dem Feinde die Beratung fortsetzen zu können, und ging.

Friedrich Wilhelm blieb allein zurück und litt die nachträglichen Qualen aller zaghaften und unentschlossenen Naturen.

Vor zwei Monaten, nach der verlorenen Schlacht bei Eylau, hatte Napoleon Preußen in seine Kombinationen einbeziehen wollen und ihm Wiederherstellung eines großen Teiles seines Gebietes und ein Bündnis angeboten, wenn Preußen von Rußland abließe.

Friedrich Wilhelm hatte ihm einen Korb gegeben. Aus purem Anstand!

Jetzt trat Napoleon in der gleichen Weise an Rußland heran. Der Zar würde aber sicherlich keinen Augenblick zaudern, Preußen im Stich zu lassen!

Friedrich Wilhelm wäre ja selbst, trotz seinem Anstand, soviel Realpolitiker gewesen, von Rußland abzufallen, hätte Napoleon ihm nur den ganzen früheren Besitz wiedergegeben! Er durfte also dem Zaren keine Vorwürfe machen, wenn dieser eine gute Gelegenheit besser zu benutzen verstände als er selbst! Und hatte es seiner eigenen Unentschlossenheit zuzuschreiben, wenn er dem heutigen Verbrüderungsrummel, statt als Hauptteilnehmer, als betrübter Zuschauer aus der Ferne beiwohnen mußte.