Fünf Minuten vor ein Uhr ging am linken Ufer der Kaiser Napoleon, von einem glänzenden Gefolge begleitet, an Bord einer schön geschmückten Barke, von deren Hintersteven die Trikolore wehte.
Am rechten Ufer betrat zu gleicher Zeit der Zar Alexander mit seiner Suite ein ebenso schön geputztes Fahrzeug und ließ das blaue Kreuz der Andreasfahne entfalten.
Mit dem Schlage eins wurde Salut geschossen, die Musik intonierte links vom Fluß die unvermeidliche Marseillaise – rechts die ebenso unausbleibliche Zarenhymne.
Zu gleicher Zeit stieß man von Land ab – links eine Nußschale weltlicher Größe, rechts eine Nußschale ebenso weltlicher Nichtigkeit – und paddelte brav und bieder nach der schwimmenden Bühne inmitten des Flusses hinüber, wo heute die Drahtzieher des theatrum mundi eine ihrer Hauptszenen vom Stapel lassen wollten.
Zur gleichen Zeit legte man am Floß an. Die beiden machten ihr Entree auf der Bühne und blieben wie auf Kommando freudig bewegt stehen. Der kleine große Mann legte geschwind nach dem Rezept Talmas ein paar Zoll seiner Größe zu, schob die Schultern hoch, hob sich leicht auf den Fußspitzen und schritt wie auf Kothurnen dem Zaren entgegen, die Arme liebevoll ausgebreitet. Indes der Zar, lang, elegant, geschniegelt, geschnürt, pomadisiert, frisiert und duftend wie ein ganzer Parfümerieladen, die Taille schmal wie die einer Wespe, die Brust gebläht, die Augen blitzend, das Lächeln zwei Reihen perlenweißer Zähne zeigend, mit der Grazie eines eleganten Kavaliers, der in der Quadrille gewandt gegen seine Dame hinbalanciert, auf sein kleines Visavis zutanzte und es tiefgerührt an seinen besternten Busen drückte.
In gemessener Entfernung schaute in gläubiger Andacht das Gefolge zu, lauschte entzückt dem schmatzenden Bruderkuß und harrte geduldig dessen, was da noch kommen sollte.
An den Ufern tuteten und trommelten die Musikanten, die Grenadiere Napoleons riefen „vive l’empereur“, die bärtigen „Naschi bratti“ drüben grölten etwas anderes, die braven Ostpreußen steuerten, um des lieben Friedens willen einige gutgemeinte Lebehochs bei, die Kanonen donnerten, im Zelt auf dem Floß flog die Maus in Todesangst die Wände hoch. – Sonst schwamm alles in eitel Wonne.
Kurze Begrüßung des beiderseitigen Gefolges. Die Namen Murat, Bessières, Berthier, Duroc, Caulaincourt wurden laut, desgleichen Großfürst Konstantin „mon frère“, „mon [pg 257]ami“ Fürst Lobanoff, General Bennigsen, Graf Lieven und noch ein General von des Zaren Gnaden.
Dann lud Napoleon seinen Gast in den Pavillon ein und ließ ihm artig den Vortritt. Sie gingen hinein – die Vorhänge vor der Tür wurden zusammengezogen, und sie waren endlich allein.