So ruhte alle Verantwortung auf Gneisenaus Schultern. Und dieser sonst vor nichts zurückschreckende Mensch hatte eben seine „schwache“ Stunde gehabt.

Daß Blücher einen Sieg nicht bis zum Äußersten ausnützte, das war noch nicht dagewesen! Das ging nicht mit rechten Dingen zu! Das empfand jetzt die ganze Armee. Er war entweder tot oder todkrank. Das stand fest. In beiden Fällen mußte ein neuer Oberbefehlshaber an seine Stelle treten. Das Kommando wäre dann einem von den russischen Generälen zugefallen, und das durfte auch nicht sein.

Die Krankheit Blüchers wurde also verheimlicht. Gneisenau amtierte in seinem Namen weiter – nicht aber, wie sonst, in seinem Sinn. Der Konflikt mit dem tüchtigsten Korpsführer der Armee war da und mußte aus der Welt geschafft werden! Tot oder lebend mußte Blücher auf der Bühne erscheinen und das besorgen. Aber wie das bewerk[pg 374]stelligen, wo der Alte in Fieberphantasien dalag und auf keine Anrede eine vernünftige Antwort gab?!

Gneisenau ging mit Müffling zu ihm hinein.

In einer Ecke des Krankenzimmers brannte, dicht verhangen, eine Lampe. Der Leibarzt Blüchers, Bieske, saß daneben, sanft eingeschlummert. Im Bett wälzte sich Blücher unruhig hin und her, die Augen mit einem alten grünseidenen Damenhut gegen das kaum merkbare Licht geschützt.

Die Augen schmerzten ihn. Ein zitterndes Flimmern lag über der Netzhaut, im Spiel der Farben wogte alles hin und her, Gestalten tauchten auf, drangen von allen Seiten auf ihn ein, schlossen die Glieder, zogen in endloser, dichtgedrängter Schar an ihm vorüber, ernst, langsam und würdig wie zu einer Trauerparade –, Offiziere in Gala-Uniform mit roten Kragen und hohen Blechmützen, die Gesichter ernst und blaß wie der Tod, die Augen geschlossen, feierliche Ruhe in den Zügen, an der Seite jedes einzelnen eine Frau in Trauer, den verschleierten Kopf schmerzvoll geneigt. So zogen sie ohne Unterbrechung an ihm vorbei, wo er draußen auf einem Felsen am Rhein stand. Aus allen Schluchten, aus allen Wäldern, aus allen Tälern ringsumher strömten sie in immer dichteren Scharen an ihn heran und nach dem Ufer des Rheins hinab, stiegen ins Flußtal hinunter und zogen dort weiter, immer weiter gegen die Abendsonne hin. Die Blechmützen glitzerten und blitzten, von den schwarzen Trauerschleiern der Frauen umwallt. – Wie ein Spiel der Wellen im Abendsonnenschein, so flimmerte es vor den Augen, verwob sich in der Ferne mit dem Widerschein auf dem Wasser und wurde zu einem einzigen Strom, der leuchtend und flammend sich weiter den Weg durch die Felsen fraß.

Die Augen schmerzten vom vielen Glanz! Da erhob sich plötzlich eine dunkle Masse dicht vor ihm. Ein Felsen wuchs aus der Erde, hart, eckig und knorrig – kein Felsen – eine menschliche Gestalt war’s, mit zwei Köpfen, in Wut verzerrt, die miteinander rauften, daß die ganze Gestalt ins Wanken kam. – Yorck war’s!

Blücher frohlockte! Da war er endlich hinter das Geheimnis Isegrims gekommen! Nicht einen –, zwei gleich harte Köpfe hatte der alte Kerl, die sich stets widersprachen! Das war des Rätsels Lösung, deshalb war mit ihm nicht auszukommen!

Da fuhr ihm blitzschnell der Gedanke durch den Kopf: Yorck hielt ebenso streng auf Ordnung bei seiner Truppe wie er selbst und duldete keine Troßwagen hinter der Marschkolonne.

„Mein Champagnerwagen!“ rief er plötzlich, setzte sich im Bett auf und hielt krampfhaft den alten grünen Hut über die Augen gepreßt. „Mein Champagnerwagen!“ Denn er hatte fürsorglich eine Fuhre Champagner direkt von der Quelle nach Hause senden lassen, und er gab seitdem seinen Mitarbeitern keine Ruhe, ehe er nicht diesen Schatz glücklich in Sicherheit jenseits der Grenze wußte.