Sie beschlossen sofort die Absetzung Napoleons und verwarfen einstimmig die Nachfolge seines Sohnes.

Talleyrand, bis vor wenigen Tagen der getreue Minister und Sachwalter Napoleons, nahm dann das Wort und behauptete dreist: ganz Frankreich sehne sich unaussprechlich nach der Rückkehr der Bourbonen. Man möge den Franzosen ihr geliebtes Königshaus wieder bescheren.

Die Fürsten und ihre Berater staunten. Wo sie durchs Land gekommen waren, hatten sie nirgends eine Begeisterung für das alte Königshaus bemerkt, wohl aber immer noch für den Kaiser.

Sofort hatte Talleyrand ein paar Leute bei der Hand, die Stein und Bein schwuren: das französische Volk in seiner überwältigenden Mehrheit wünsche nichts sehnlicher, als die Schuhsohlen der Bourbonen zu lecken.

Es waren ein paar Leute von jener Sorte, die bei Umwälzungen stets gleich bei der Hand sind, um sich auf irgendeine bemerkbare Stelle vorzudrängen, indem sie tun, als ob eigentlich sie die siegreiche „Bewegung“ geleitet hätten, und deshalb als Lohn die lukrativsten Posten beanspruchen könnten. Sie sprachen beredt, sie sprachen tiefbewegt, mit dem Brustton des überzeugten und doch so besorgten [pg 381]Patrioten. Und man war viel zu gut erzogen, um das nicht zu goutieren. Dem guten französischen Volk dürfe man einen mit solcher Inbrunst vorgebrachten Herzenswunsch nicht versagen.

Der König von Preußen saß ganz teilnahmlos da.

Zar Alexander blickte ihn von der Seite an und dachte an Tilsit und an seine Begegnung mit Napoleon auf dem Memelfluß, wo sie mit leichtem Herzen über das Schicksal Preußens hinweggegangen waren. Er dachte an sein Versprechen an den König von Preußen. Und dabei fiel ihm ein, daß er auch heute sein Wort verpfändet hatte und also verhindert war, ohne weiteres der Rückkehr der Bourbonen zuzustimmen. Eine lästige Sache! Aber ein Wort ist ein Wort! Und hätte er es Bernadotte nicht gegeben, er hätte ihm Finnland zurückgeben müssen, um seine und Schwedens Teilnahme am Kriege zu gewinnen! Jetzt war ja der Krieg glücklich gewonnen! Aber trotzdem –

Der Zar ließ also lässig ein paar gleichgültige Worte über Bernadotte fallen und fragte die erlauchte Versammlung, ob es sich nicht empfehle, diesen bei den Franzosen angeblich so beliebten Fürsten mit der Regierung Frankreichs zu betrauen.

Gleich hatte Talleyrand wieder einen anderen Kronzeugen bei der Hand, der hoch und heilig beteuerte, in der ganzen Armee wäre Bernadotte als Mensch und Soldat gleich verächtlich. Man wollte keinen Militär an der Spitze des Staates mehr. Wollte man das, so hatte man ja Napoleon, den ersten Soldaten der Welt, und brauchte keine von seinen Kreaturen zu nehmen.

Wozu denn das ganze Blutvergießen, wenn alles beim alten bliebe?!