Das sahen die Monarchen auch gnädigst ein. Und damit die Sache einen Sinn bekäme – denn die Befreiung Deutschlands genügte den Herren nicht – so stimmten sie also bei.
Da Talleyrand in seinem unerschöpflichen Vorzimmer auch einen Buchdrucker bereitgestellt hatte, dem er den von [pg 382]ihm bereits im voraus aufgesetzten Beschluß der Majestäten übergeben konnte, so durfte das französische Volk schon nach einigen Stunden an allen Straßenecken lesen, was es gewollt hatte und wonach es sich so sehr gesehnt hatte, und wußte also Bescheid, wußte, welche Wohltat es den fremden „Befreiern“ verdankte, und wie unaussprechlich glücklich es fortan sein könnte, seinen kriegerischen Tyrannen gegen einen in der einzig richtigen Weise von Gottes Gnaden geborenen einzutauschen. Das heißt – insofern es lesen konnte.
„Darum Räuber und Mörder!“ sagte Blücher gallig, als ihm das klägliche Resultat so vieler Opfer mitgeteilt wurde. „Darum haben also die Besten unter uns ihr Leben lassen müssen – darum haben meine Leute sich blutig geschunden und gehungert und gefroren, damit dieses dicke Schwein von einem Bourbonen, dieser Louis dixhuit, auf dem Nachtstuhl seiner Väter soll sitzen können!“
Er lachte grimmig auf, erhob sich und ging hinaus, um seinen Truppen Lebewohl zu sagen.
Denn er machte die Sache nicht mehr mit, er wollte schon heute seinen Abschied nehmen. Weder fragte man ihn um Rat, noch hörte man auf seine Wünsche.
Er hatte hundert Millionen Kontribution von den Parisern allein für Preußen verlangen wollen, um die Armee einzukleiden und ihre rückständige Löhnung auszuzahlen. Aber der König, der es hatte zugeben müssen, daß seinem eigenen armen Volk in den paar Jahren französischer Besetzung anderthalb Milliarden abgepreßt wurden, er wollte nicht so „inhuman“ an den Parisern handeln. Das heißt, er wurde zu dieser Weichherzigkeit von seinem lieben Vetter, dem Zaren, angehalten, der sich plötzlich als eingefleischter Freund und Beschützer alles Französischen entpuppte. Der König vertröstete also seinen Marschall mit baldiger Zahlung der rückständigen Löhnung aus den leeren Kassen in Berlin, was diesen noch mehr in Harnisch brachte.
„Wir werden uns noch auf Befehl besiegt fühlen müssen, nachdem wir einen Siegeslauf sondergleichen gemacht haben!“ rief er. „Wir werden noch draufzahlen müssen, statt [pg 383]für unsere verwüsteten Fluren und versengten Städte, für unsere geleerten Kassen und gestohlenen Kunstwerke Ersatz zu bekommen! Blutegel müßte man den Franzosen ansetzen, um ihnen das geraubte Geld wieder abzusaugen! Aber nein! Die sollen ihr Land ungeschmälert behalten und den ganzen Raub desgleichen! Hol’ sie der Teufel! Na – wenn der König so den ganzen Gewinn verspielt, da fange ich auch wieder mit dem Spiel an! Da wird wieder fröhlich die Karte gebogen! Ich will mal sehen, ob ich den Franzosen nicht wenigstens so einen Teil des vielen Geldes wieder abknöpfe, was er bei uns eingesackt hat! Ich hätte ja gern meine Ruhe! Aber wenn’s nicht anders ist – wenn’s durchaus sein muß, ich arbeite ja gern fürs Vaterland! Ich nehme von heute ab mein Hauptquartier im Palais Royal!“
Vergnügt schmunzelnd, in der Vorfreude dieses neuen unblutigen Feldzuges gegen den Erbfeind, trat er vor die Front und redete die Leute an.
„Kinder!“ sagte er, „jetzt seid ihr die Ohnehosen, aber von der richtigen Sorte – wat een Büx nich ist, aber een Bangbüx ooch nich! Ich hätte gewünscht, daß ihr, dreckig wie ihr nun einmal seid, an der Spitze des Heeres beim heutigen Einzug den Parisern gezeigt hättet, wie ein Sieger eigentlich aussehen soll und was für ein Teufelskerl das ist! Das hätte den Affen wohlgetan! Ihre Leute sind uns oft genug in abgerissenem Anzug gekommen. Sie haben von unseren Bauern Champagner verlangt und sie geprügelt, wenn sie keinen bekamen. Von denen hättet ihr Weißbier fordern und es in der gleichen Münze bezahlen müssen. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Ich habe für euch sorgen wollen, ich habe Kleider, Geld und gute Quartiere verlangt, es ist mir aber nicht gelungen. Ich setze es noch beim König durch, darauf gebe ich euch mein Wort! Ihr sollt wissen, daß euer Vater Blücher an euch denkt, auch wenn er nicht mehr unter euch weilt. Ich lege heute das Kommando über euch nieder. Es war ein langer Spaziergang, den wir miteinander gemacht haben, von der Katzbach bis zum Montmartre, was soviel wie der Berg der Schmerzen heißen soll. Mancher [pg 384]brave Mann unter euch hat unterwegs ins Gras beißen müssen. Aber wir sind gut miteinander ausgekommen. Ich war mit euch stets zufrieden. Und wenn ich’s euch nicht immer recht machte – es war immer gut gemeint und nach bestem Können getan. Aus seiner Haut kann keiner. Ich am allerwenigsten. Und deshalb gehe ich. Denn wenn die Diplomatiker jetzt anfangen zu negoziieren, da ist es für mich Zeit, mich zur Ruhe zu setzen. Wo ich aber meinen Ruhepunkt finden werde, weiß der Kuckuck. Am Ende gibt’s für mich hier keinen in dieser unruhigen Welt! Na – gehabt euch wohl, Kinder! Seid vergnügt und denkt einmal zurück an euren alten Marschall Vorwärts!“
Donnernde Hurrarufe beantworteten den Abschiedsgruß, und Blücher rieb sich verstohlen die Augen, als er vom Gefolge begleitet an den Wagen ging.