„Wie drollig!“ lispelten die holden Schönen, und traten lächelnd zum Walzer an.
Österreich, England, Frankreich und dessen alte Rheinbundgenossen hatten sich zu einer wahren Wegelagerergenossenschaft zusammengefunden, um den Hauptkämpfern im Kriege, Preußen und Rußland, ihren Anteil am Raub aus der napoleonischen Hinterlassenschaft abzujagen. Schon zückte man die Dolche und lauerte auf Gelegenheit.
Inzwischen tanzten die Diplomaten, flirteten mit den schönen Wienerinnen, schlossen zärtliche Allianzen und waren [pg 386]emsig bestrebt, ihre galanten Eroberungen abzurunden. Man wetteiferte miteinander im Aufwand, man arrangierte Bälle, Schlittenpartien und Korsofahrten, man revidierte Menüs und Ballprogramme und zwischendurch auch, als neuestes Gesellschaftsspiel, die Karte Europas, aber hauptsächlich nur, um dabei die neuesten Bonmots der Diplomaten zu belachen.
Die Schicksale der Völker, die man ja auch in die Hand genommen hatte, machten weniger Sorge – weil sie weniger amüsant waren.
Stein machte jenes Gesellschaftsspiel nicht mit.
Sein Einfluß auf dem Kongreß war überdies gering. Er nahm nur teil als Minister der besetzten Gebiete. Insofern hatte er mitzusprechen. Auf die Entschließungen der Großmächte hatte er wenig Einfluß. Sonst wäre er seiner ganzen Veranlagung nach die führende Persönlichkeit des Kongresses geworden, statt daß die Leitung jetzt in die Hände des intriganten, oberflächlichen und selbstsüchtigen Metternich und seines sauberen Kumpans, des Fürsten Talleyrand, überging.
Steins Platz im Schatten auf dem kaiserlichen Hofball entsprach also durchaus seiner Stellung auf dem Kongreß, als nichttanzender Staatsmann.
In den Nebensälen wurde eifrig getanzt. Die Klänge der Musik drangen bis zum entlegenen Platz im Thronsaal, wohin der Freiherr sich zurückgezogen hatte, und übertönten das Stimmengewirr, so daß nur die Gespräche derer, die gerade an seiner Fensternische vorbeikamen oder dort stehenblieben, deutlich zu hören waren. Drüben hielten die Majestäten Cercle – Kaiser Franz, Kaiser Alexander und König Friedrich Wilhelm, jeder für sich. Sie zogen bald diesen, bald jenen von den sehnsüchtig der großen Gnade harrenden Sterblichen „huldvollst“ ins Gespräch, plapperten ihnen ein paar leere Phrasen vor, entließen sie und winkten andere herbei, um sie mit den gleichen Nichtigkeiten zu beglücken.
Aus dem Kreise um die Allerhöchsten Herrschaften löste sich eine schlanke Gestalt in tadelloser Haltung, den feinen, wohl[pg 387]frisierten Kopf unmerklich nach den Klängen der Musik wiegend. Leise trällernd kam er gerade auf die Nische zu, in der Stein stand, und schien jemand zu suchen.
Es war Metternich, der allgewaltige Gebieter Österreichs.