Stein zog sich etwas zurück.

Metternich blieb, ihm den Rücken zugekehrt, stehen und musterte die hin und her wogenden Massen. Endlich schien er gefunden zu haben, was er suchte, und gab ein Zeichen.

Ein kleiner, hagerer Mann in unansehnlicher Tracht kam rasch auf ihn zugeeilt. Unter vielen Bücklingen und „ach“ und „oh“ und „Exzellenz“ und „Eure Hoheit“ stellte er sich ihm „gehorsamst zu Diensten“.

Stein kannte ihn wohl.

Eine Persönlichkeit von unheimlichem Zuschnitt, als beratender Expert zum Kongreß hinzugezogen, der Staatsrat Hoffmann aus Berlin – auch „Seelenhoffmann“ genannt.

Es gab im ganzen Deutschen Reiche kein Dorf, keinen Flecken, keine Stadt, kein Land, deren Seelenzahl er nicht wußte.

Galt es auf dem Kongreß ein Ländchen abzutreten oder gar zu annektieren, gleich wurde „Seelenhoffmann“ zu Hilfe gerufen. Er sagte, kaum befragt, sofort die genaue Zahl der Seelen her, die innerhalb der Grenzpfähle jener Gegend nisteten, stellte eine Rechnung auf, bündelte die Seelen zusammen, packte sie kunstgerecht ein und machte sie verkaufsbereit für den Markt. Dann erst konnte der Handel losgehen.

Die Potentaten protzten dann jeder mit seinem Bündel Seelen, spielten damit Versteck und suchten unauffällig zu erraten, wie viele der Gegenspieler unter sich hatte. Man schätzte den gegenseitigen Bestand ein – man tauschte, handelte und war mit größerem oder geringerem Geschick bestrebt, möglichst viele Seelen aus dem Geschäft herauszuschlagen. So war’s, so ist’s, und so wird es immer bleiben, solange Menschen über Menschen herrschen – ob sie’s im Namen einer Monarchie, einer Demokratie oder einer jakobinischen Schreckensherrschaft tun.

„Nun, lieber Staatsrat, haben Sie mir etwas in unserer Angelegenheit mitzuteilen?“ fragte Metternich.

Der Angeredete war gleich parat.