„Gewiß, Exzellenz. Mir scheint der Kasus nicht unlöslich. Wir müßten, mit gutem Willen, schon ohne Krieg um die Frage Sachsen herumkommen können! Wir geben Preußen Sachsen – und geben es ihm auch nicht – die Sache ist sehr einfach!“

Metternich schüttelte den Kopf und grüßte zugleich mit viel Liebenswürdigkeit eine am Arm eines Diplomaten vorbeischwebende Komtesse.

„Wie meinen Sie das?“

„Ich meine, Exzellenz, auf die Zahl der Seelen, die Preußen bekommt, kommt es ihm doch hauptsächlich an. Die Seelen bringen doch Steuern. Sie sind die einzige Grundlage für die Staatseinnahmen. Nur wer sich das vergegenwärtigt, die Seelenzahl zusammenhält und klug vermehrt, bringt die Finanzverwaltung seines Staates auf gesunde Basis. Geben wir Preußen also ein wenig mehr Seelen, als es in Sachsen finden würde. Sie sind da, man braucht sie nur aufzugreifen.

Lassen wir also Sachsen bestehen – machen wir’s kleiner – aber vernichten wir es nicht gänzlich! Wozu auch? Warum den guten König Friedrich August schwerer als die anderen Rheinbundfürsten bestrafen? Er war ja nicht frei – er handelte aus Zwang. Nun ja – was konnte wohl der kleine Sachsenkönig gegen den großen Napoleon? Seien wir gerecht. Lassen wir ihn am Leben.

Wenn wir Preußen links vom Rhein mit einer Million Seelen abfinden – wenn wir ihm in Polen achtmalhunderttausend, item in Westfalen die gleiche Zahl geben, dann ist es fein heraus, und weit besser bedacht, als wenn es bloß das bißchen Sachsen bekäme!“

„Das scheint mir plausibel“, sagte Metternich. „Ich will mir die Sache überlegen. Stellen Sie mir die Rechnung genau zusammen, geben Sie alles zu Papier, bringen Sie mir den Vorschlag morgen früh genau präzisiert in meine Woh[pg 389]nung – ich schlage es dann den Herren morgen vor. Leben Sie wohl, Herr Staatsrat. Wenn das beim Kanzler Hardenberg durchgeht, werden Sie uns erkenntlich finden!“

Der Staatsrat verbeugte sich, ganz überglücklich.

„Ich rede noch mit ihm, ich setze ihm alles haarklein auseinander!“ sagte er. „Da kommt er gerade! Gehorsamster Diener, Exzellenz, allergehorsamster Diener!“

Er eilte auf Hardenberg zu, der eben durch den Saal kam, scharwenzelte um ihn, verkaufte auch da seine Seelen, und ließ nicht locker, bis er den Kanzler beim Wickel hatte.