Inzwischen wurde Metternich von einem ganzen Schwarm Komtessen in die Mitte genommen, die eben aus dem Ballsaal hereinflatterten, um die Majestäten anzustaunen. Er flirtete gleich drauflos, bot dieser jungen Dame Puder an, half jener schnell mehr Rot auf die Wangen legen, hielt ihnen seinen Taschenspiegel hin und half mit vieler Sachkenntnis die vom Tanze erhitzten Gesichter wieder hoffähig machen. Dann bot er der schönsten Dame seinen Arm und führte sie in die Nähe der Allerhöchsten Herrschaften. Er war ein Herz und eine Seele und einer Meinung mit ihr, fand wie sie die Polonäsen abscheulich langweilig und eigentlich nur einen Tanz für Großmütter und alte steifbeinige Exzellenzen!
„Dagegen der Walzer, himmlisch!“ lispelte die Schöne. „Da schwebt man in tollem Wirbel hin, bis sich alles um einen dreht und flimmert. Und schließlich denkt man, man ist ein Stern am Firmament, und ringsherum nichts als Sterne, die sich auch so im Tanze drehen und schweben!“
„Das sind Sie auch, Komtesse – ein Stern, aber Sie allein!“
Sie verschwanden in der Menge, die jetzt aus den Ballsälen hereinflutete.
Steins Gedanken waren schon anderweitig beschäftigt.
Ein leises ungleichmäßiges Stoßen auf dem Parkett, das immer näher kam, nahm seine Aufmerksamkeit gefangen. Er brauchte nur noch die sanfte, harmlose Stimme dazu zu hören, um zu wissen, daß Talleyrand heranhinkte. Stein [pg 390]haßte und verabscheute ihn. Aber er erkannte ohne weiteres an, daß dieser Mensch ohne Gewissen dazu prädestiniert war, die Seele jenes Kongresses von Seelenhändlern zu sein.
Mit seinem Klumpfuß hinkte er, zynisch lächelnd, jeder großen Begebenheit nach und nahm seinen Vorteil wahr. Im Zeitalter des ancien régime als Geistlicher, dem alle Boudoirs und tonangebenden Salons stets offenstanden – während der Revolution als allgegenwärtiges, allwissendes, eifriges, aber nicht allzu exponiertes Mitglied jedes Klubs, der gerade am Ruder war – beim ersten Konsul als allmächtiger Minister, dem deutsche Fürsten und Republiken ihre Schätze zu Füßen legten, damit er ihnen gnädigst verstattete, ihre Ländchen mit den Trümmern des Heiligen Römischen Reiches zu vergrößern.
Minister des Äußeren unter Napoleon, blieb er in der gleichen Eigenschaft bei dessen Nachfolger, und wurde – aber nur als persönlicher Vertreter König Ludwigs – zum Kongreß zugelassen. Das genügte aber, um ihn bald zu dessen einflußreichster Persönlichkeit zu machen.
Die alten Beziehungen fanden sich schnell wieder. Ansichten und Überzeugungen sind ja keine Gewissenssachen. Hatte man gestern eine, so hat man dafür heute eine andere, noch vorteilhaftere. Und schließlich ist ja ein Friedenskongreß dazu da, damit man sich verständigt!
Man fand sich also leicht. Man gewöhnte sich schnell wieder daran, den gewandten Ränkeschmied um seinen Rat zu bitten. Und er konnte wieder nach Herzenslust intrigieren, geheime Fäden knüpfen oder lösen, die Mächtigen der Erde miteinander aussöhnen oder entzweien, je nachdem es der eigene Vorteil heischte. Nebenbei gewann, ohne daß es ihn weiter kümmerte, sein geschlagen am Boden liegendes Frankreich den Rang einer viel und heiß umworbenen Großmacht.