„Die deutsche Kaiserkrone lehnen wir ab! Freuen uns, der Qual überhoben zu sein! Haben genug in Italien zu tun!“

Stein verbeugte sich schweigend und ging weiter.

Ihn widerte der ganze Handel an. So ging es nun Monat für Monat hin und her ohne Entscheidung, ohne greifbares Resultat, und nichts geschah, als dieses kleinliche Abwägen kleinlicher Interessen gegeneinander. Die großen Fürsten wollten sich auf Kosten der kleinen vergrößern – die kleinen wollten Wiederherstellung ihrer verlorenen Macht – der eine wollte dies, der andere das, die Reichsritter, die Johanniter, die Reichskammergerichtsbeamten, die Prälaten, die Frankfurter Juden – alle kamen sie mit ihren Wunschzetteln, wollten Restitution, Entschädigungen, Monopole, Rechte für sich und Unrecht für die anderen. Die Flut schwoll an und überschwemmte mit Akten und Gesuchen die armen Schreibersleute, die sie zu registrieren hatten. Und die großen Herren, bei denen die Entscheidung lag, zuckten die Achseln zu dieser Sintflut, lachten, scherzten, tanzten und flirteten.

„Das Schicksal der Völker ist wie immer in den besten Händen!“ murmelte Stein im Gehen. Er dachte mit Bitterkeit an seine kurze Amtszeit als leitender Minister Preußens – dachte, wie kinderleicht es wäre, in diesem Lande Wandel zu schaffen, wäre nicht immer Unverstand und Eigensinn und Eitelkeit an der Spitze – hätte nicht Unvermögen, Gleichgültigkeit und Kraftlosigkeit Entscheidungen zu treffen und ins Werk zu setzen.

Er blickte verächtlich den Zaren an, der sich jetzt als derjenige anhimmeln ließ, dessen Energie und Entschlossenheit allein das große Werk zum glücklichen Ende gebracht hatte, als jeder andere zweifelte und auf dem halben Wege stehenblieb. Kein Mensch wußte, wer die ganze Zeit hinter diesem Schwächling gestanden hatte – keiner dachte daran, daß [pg 395]er, Stein, es war, der ihm den Nacken steifte, als ihm beim Einfall Napoleons in Rußland das Herz tief in die Friedenshosen fiel, und ihn auch nachher dazu brachte, seinen Soldaten und Generälen zum Trotz den Feldzug in Deutschland und in Frankreich zu führen! Willenlose Schwächlinge, der eine wie der andere, aufgeputzte Theaterpuppen alle miteinander! Könnte er nur diese Sintflut von Fürsten, in der alles Lebenstüchtige zu ertrinken drohte, von der Erde vertilgen, er täte es ohne Zaudern!

„Wie schade, daß Napoleon, dieser Bändiger der Fürsten, nicht hier unter uns entstand!“ murmelte er noch. „Er war den Leuten gesund! Wäre er nur nicht, von falschem Glanz geblendet, auch einer von ihnen geworden –, hätte er sich einen kühlen Kopf bewahrt und der Versuchung widerstanden, wer weiß, was noch geworden wäre?!“

So weit kam er in seinen Gedanken, da entstand eine plötzliche Bewegung im ganzen Saal. Alles kam in Unruhe und stob auseinander. Die Säle leerten sich fluchtartig. Die Monarchen drängten alle auf eine Stelle zusammen und sprachen eifrig mit ihren Ministern und Räten. Kaiser Alexander redete aufgeregt auf Kaiser Franz ein, der ihm wiederum Vorwürfe zu machen schien, der König von Preußen kam hinzu, Hardenberg, Metternich, Talleyrand, alles, was dazu gehörte, drängte auf die Gruppe ein und horchte begierig – alle Intrigen, alle kleinen Feindschaften waren vergessen –, die drohende Kriegsgefahr schien wie durch Zauber aus den Gemütern gebannt zu sein.

„Napoleon hat Elba verlassen! Er zieht auf Paris! – Der König Ludwig ist geflohen!“ so rief im ganzen Saal alles durcheinander, ohne an die Etikette zu denken.

„Mein Gott, was machen wir nun?“ klagten ein paar niedliche Komtessen, und blickten verzweifelt zu Metternich hinüber, der, sonst ihr Helfer in der Not, jetzt kein Auge für sie zu haben schien.

„Der Maskenball beim Fürsten de Ligne wird sicher abgesagt werden! Heute habe ich gerade mein Kostüm anprobiert – du weißt, für das tableau vivant, in dem ich den [pg 396]Friedensengel darstellen sollte! Die Rolle lag mir ausgezeichnet! Jetzt ist alles umsonst – alles nichts!“