Er seufzte, ging mit schweren Schritten in die Mühle hinein, stieg die schwankende Leiter bis zum Dach hinauf, öffnete die Luke und trat auf die Plattform hinaus.

Von hier hatte er freien Blick nach allen Seiten und konnte sogar über die hohen Pappeln und Weiden, die die Ufer des Lignybaches umsäumten und unten den Ausblick nach Osten behinderten, hinwegsehen.

Drüben im Osten, wo die scharfen Silhouetten einiger Windmühlen sich gegen den Himmel abzeichneten, kribbelte und krabbelte es wie ein endloser Zug von Ameisen auf der Chaussee von Namur nach Brüssel, die sich am Kamm des Höhenzuges entlang wand. Gen Sombreffe ging es und noch etwas darüber hinaus. Dort schien es sich zu stauen, quoll an, breitete sich aus und begann langsam die hohe Böschung von der Chaussee nach dem Bach zu überfluten. Die Ameisen krochen näher, bekamen blitzende Spitzen, bunte Farben, sie wuchsen, gliederten sich, nahmen Form an, wurden zu Menschen, Pferden, Geschützen, Wagen, und bedeckten bald den ganzen Abhang, mehrere Meilen breit bis zum Bach herunter. Und schließlich stand, wie auf einem fächerartig sich [pg 400]ausbreitenden Amphitheater, die ganze preußische Armee gefechtsbereit da.

Der Müller nahm seine Mütze ab und wischte sich die Schweißtropfen aus der Stirn. Der Tag war heiß, die Sonne brannte. Es würde noch ein Gewitter geben.

Unten prangten die Wiesen wieder in saftigem Grün, nachdem die erste Heuernte geborgen worden war. Die Kornfelder standen reich in goldener Fülle und harrten des Schnitters.

Ein einziger Tag würde genügen, diesen ganzen Reichtum zu vernichten.

In den nächsten Stunden schon würde der Schnitter Tod seine Sense schwingen und Ernte halten. Die Erde würde wieder daliegen, aufgewühlt und mit tausend klaffenden Wunden, von blutigen Trümmern, Leichen und Pferdekadavern bedeckt. Die Feldfrüchte würden zerstampft, alles vernichtet werden!

Wie oft schon hatten seine Augen das gleiche Schauspiel gesehen! Seit seiner ersten Jugend kannte er’s nicht anders, als daß fremdes Kriegsvolk die Fluren seiner Heimat verwüstete. Immer wieder suchten sich die Völker Flanderns blutgetränkte Erde zum Tummelplatz ihres Haders und ihres Streites aus. Jahraus, jahrein brauste der Schlachtenlärm über seine fruchtbaren Gefilde hinweg. Das einst so reiche und mächtige Land verödete, sein Handel, seine Industrie suchte sich anderswo eine gesicherte Heimat, und nur die alten Städte mit ihren Burgen, Hallen, Türmen und weit ins Land hineinragenden Belfrieden zeugten noch von der einstigen Macht und Herrlichkeit ihrer Bewohner.

Der Müller stand noch eine Weile und blickte verträumt auf die dichten Wolken, die sich im Osten allmählich über den Horizont erhoben und anfingen, langsam das Blau zu verdecken. In einigen Stunden würde das Gewitter da sein.

Unten wurden Hufschläge von Pferden laut und verstummten am Eingang.