Sogleich warf sich Vandamme mit seiner Division auf die drei Dörfer Saint-Amand, in denen Zieten sich festgesetzt hatte. Es waren drei Festungen, wie sie da unten im Talgrund am Bach lagen, von Obstgärten, Hecken, Zäunen umgeben und untereinander verbunden durch die hohe grüne Kulisse der am Lignybach wachsenden Pappeln und Weiden, die Freund und Feind gleich unsichtbar füreinander machten.
Die Dörfer wurden nach heftig hin und her wogendem Kampf von den Franzosen genommen. Darüber hinaus war aber kein Fortkommen, der Bach blieb für sie ein unüberwindliches Hindernis – die Stellung der Preußen auf den Anhöhen dahinter war durch frontalen Angriff uneinnehmbar.
Blücher hatte zwischen Brye und Saint-Amand 60 000 Mann stehen, die er so allmählich in den Kampf eingreifen ließ, um die Dörfer vom Feind zurückzuerobern. Nach stundenlangen wütenden Kämpfen, die besonders in Ligny [pg 406]äußerst blutig wurden, beschloß Napoleon, einen Keil zwischen die um die Dörfer kämpfenden beiden Korps Blüchers und seine Reserven zu treiben. Er bildete aus sechs Bataillonen seiner Garde eine Sprengkolonne, führte sie selbst von der Biegung des Baches am Dorfe Ligny vorbei und ließ dort durch Sappeure eine Gasse in Kompaniebreite durch die den Bach umsäumenden Bäume legen, um dort zum Durchbruch der preußischen Front vorzustoßen.
Die Gefahr für die Preußen war groß.
Blüchers rechter Flügel hing in der Luft und konnte jeden Augenblick umgangen werden, wenn der französische linke Flügel mit Ney eingreifen würde. Er hatte die Unvorsichtigkeit begangen, die Schlacht anzunehmen, ohne erst die Ankunft seines vierten Korps abzuwarten. Er vertraute auf Wellingtons bestimmtes Versprechen, um vier Uhr zu ihm zu stoßen, und hatte Napoleon das gleiche Schicksal zugedacht, wie dieser ihm.
Aber weder Wellington noch Ney kamen.
Im vergeblichen Abwarten dieser Unterstützung auf beiden Seiten rieb man sich im Kampf um die Dörfer auf, ohne vom Fleck zu kommen. Tausende von Leichen bedeckten die Dorfstraßen, die Gärten und die umgebenden Felder.
Der Nachmittag ging schon zur Neige. Die Hitze, immer noch drückend, wich plötzlich, als auf einmal mit gewaltigem Krachen das Gewitter über das Schlachtfeld niederging. Plötzliche Dunkelheit ersetzte die frühere strahlende Helle, Blitze züngelten. Der Donner erstickte das Krachen der Geschütze, der Kampf schien zu erlöschen in den den Wolken entströmenden Fluten.
Blücher, der immer noch hoffte, Wellington mit seinen Rotröcken im Rücken Napoleons ankommen zu sehen, trieb seine Divisionen unaufhaltsam vorwärts gegen die von den Franzosen besetzten Dörfer. Er biß sich in sie fest und ließ nicht locker, er würde sie festhalten, solange er noch Kraft hatte, bis der Engländer anlangte, um ihnen den Fangstoß zu geben. Aber der Engländer kam nicht, und seine Leute ermüdeten. Er sprengte dann an die Division Pirch heran, [pg 407]um sie selbst zur Unterstützung heranzuführen. Als die Leute Blücher auf seinem Schimmel herangaloppieren sahen, blieben sie stehen und grüßten den Marschall mit begeisterten Zurufen.
Blücher, dem es an allem anderen mehr gelegen war, als mit Huldigungstratsch auch nur eine Sekunde kostbarer Zeit zu verlieren, hielt jäh seinen Schimmel an, erhob sich in den Steigbügeln, drehte sich zornrot um und schrie ihnen mit Donnerstimme zu: „Leckt mich – – –! Dort steht der Feind! Vorwärts!“ – gab dann seinem Gaul die Sporen und flog allen voran in den Kugelregen hinein, der ihm aus den Dörfern den Willkomm gab.