Das Gewitter wurde immer heftiger, es dunkelte immer mehr. Es wurde schon acht Uhr, und immer noch war keine Entscheidung, immer noch kein Ney in Sicht!
Schließlich wurde Napoleon des Harrens müde und erteilte seiner Garde, die er solange wie möglich geschont hatte, den Befehl zum Angriff.
Durch die offene Gasse zwischen den Bäumen rückten die Bataillone vor, überschritten den Bach und stürmten die Anhöhe auf der anderen Seite hinan, um hinter die 60 000 Mann Blüchers zu kommen, die unten bei den Dörfern kämpften, und sie von dem Korps Thielmanns, das noch oben an der Chaussee stand, und von Bülow, falls der käme, zu trennen.
Das Gewitter wurde immer gewaltiger, Blitz auf Blitz züngelte nieder und beleuchtete die Einbruchsstelle, aus der die Kolonne der Bärenmützen langsam und unwiderstehlich wie eine Naturmacht aus der Tiefe heraufdrängte und alles vor sich hinwegfegte.
Die Gefahr war groß. Blücher warf alles, was er an Kavallerie hatte, den Franzosen entgegen, eilte selbst von dem Kampf um Saint-Amand zurück nach Brye und ordnete den Gegenangriff. Feurig wie ein Jüngling, mit vor Aufregung gerötetem Gesicht, sprengte der Dreiundsiebzigjährige, den Säbel schwingend, in großen Bogensätzen allen voran und feuerte sie durch Zurufe an.
Als käme er aus den Wolken, so wirkte im Aufflackern der Blitze seine rasend vorwärts stürmende Erscheinung auf Freund und Feind.
Ein ohrenbetäubender Krach, ein minutenlanger Blitz, das Pferd Blüchers machte einen Riesensprung, als wollte es mit ihm in den Himmel hineingaloppieren, und dann war es verschwunden. Kein Blitz vermochte es mehr aus dem Dunkel hervorzuzaubern. Aber wo es zuletzt gesehen war, rasselten die Hufschläge der jetzt zur Attacke vorstürmenden Kürassiere Milhauds vorüber – und dann zurück, von den preußischen Reitern verfolgt. Die Preußen fanden ihren Feldmarschall unter seinem Pferd liegend, beschützt von seinem treu an seiner Seite ausharrenden Adjutanten Nostiz. Sie befreiten ihn aus seiner qualvollen Lage, setzten ihn, dessen alte Knochen immer noch unversehrt waren, auf ein anderes Pferd und brachten ihn aus dem Schlachtgetümmel.
Gleichzeitig brachen die Franzosen aus allen Dörfern hervor, die nun nicht länger zu halten waren, nachdem durch den Stoß der Garde die preußische Schlachtlinie durchbrochen worden war. Die Preußen räumten das Kampffeld und zogen sich auf Tilly und Mellery zurück. Die Straße von Namur nach Brüssel, ihre einzige Verbindung mit den Engländern, war ihnen verlorengegangen. Es blieb ihnen nur übrig, entweder auf den Rhein zurückzugehen oder auf einem großen Umweg noch die Vereinigung mit Wellington zu versuchen.
Mitten in der Nacht traf Gneisenau auf Blücher, der, auf Stroh gebettet, in einer Hütte in Mellery lag und von seinem Leibarzt Bieske gesalbt und frottiert wurde.
„So’n Sturz mit dem Pferd war noch nicht da!“ rief ihm der Alte entgegen. „Wenn das nicht Glück bedeutet, dann will ich gehängt werden. Das nächste Mal, Gneisenau, das nächste Mal! Heute haben wir Schmiere gekriegt, das wollen wir ausbessern. Wir müssen uns zurückziehen, daran ist nichts zu ändern, aber der Rückzug geht vorwärts, wie immer – vorwärts an den Feind heran!“