Napoleon selbst hätte sie nicht so leichten Kaufes entkommen lassen. Er hatte aber den Führer seines rechten Flügels, den Marschall Grouchy, mit der Verfolgung betraut, und zog selbst mit den Garden und der schweren Reiterei in der Richtung auf Brüssel den Engländern entgegen, die sich langsam vor ihm zurückzogen, um sich ihm schließlich am Wald von Soignes, auf dem Höhenzuge von Mont St.-Jean, in den Weg zu legen.

Am 18. Juni früh sprach General Friant von der alten Garde im Hauptquartier beim Generalstabe vor, dem jetzt nicht Berthier, sondern Marschall Soult als Generalquartiermeister vorstand.

Friant war einer der alten Veteranen, der alle Feldzüge mitgemacht hatte, und genoß das größte Vertrauen Napoleons.

Der Kaiser war noch nicht von seinem Rekognoszierungsritt zurückgekehrt. Die beiden Generäle ritten langsam Seite an Seite die Chaussee entlang dem Kaiser entgegen.

Sie unterhielten sich über die vorgestrige Schlacht und die Aussichten für die heutige und für den Feldzug überhaupt, und waren nicht ohne Bedenken.

„Der Kaiser hat das Va-banque-Spielen verlernt!“ sagte der alte Friant, der in den meisten Partien mitgespielt hatte und also Bescheid wissen mußte. „Früher war es anders. Idee, Entschluß, Tat waren zugleich da – waren ein Blitz, der niedersauste, traf und zerschmetterte. Jetzt überlegt der Kaiser, spekuliert, erwägt die Chancen für und wider mit einer gewissen Genießerfreude im Auffinden von Spitzfindigkeiten und versäumt darüber den rechten Moment. Seine Siege sind längst keine Katastrophen mehr für den Feind und für uns nur keine Niederlagen. Die Niederlage ist dafür bei ihm in den Bereich des Möglichen gerückt. Das verstimmt und macht einen unsicher!“

„Das macht das Fett“, sagte der lange, hagere Soult [pg 411]mit seiner hohen Fistelstimme, und strich seine wildflatternden Haarsträhnen aus dem gefurchten Altweibergesicht. „Das Fett macht bequem, phlegmatisch und kurzatmig – das verfettete Herz hüpft nicht mehr in seinem Knochengehäuse wie ein Frosch auf einer grünen Wiese. Es zappelt nur lahm, sinkt müde hin und schläft ein. Daher die plötzliche Schlafsucht beim Kaiser in den letzten Jahren. Sie überkommt ihn ganz plötzlich bei den ungeeignetsten Gelegenheiten und überwältigt ihn unwiderstehlich, als erlösche auf einmal in ihm alles Licht. Mitten im entscheidenden Moment einer Schlacht hört er auf einmal nicht und sieht nicht mehr; alles flimmert ihm vor den Augen und fließt auseinander; er muß sich sofort hinlegen und liegt dann da wie ein Toter, ohne Träume, ohne Bewußtsein. So hat er selbst es mir geschildert. Es ist das Fett – ich wiederhole es. Und meines Erachtens sind wohl auch die verschiedenen galanten Krankheiten nicht spurlos an seinem Geist vorübergegangen.“

„Dem möchte ich nicht beipflichten“, sagte der alte Friant kopfschüttelnd. „Sein Geist weilt in der klaren Höhenluft wie früher, gleich durchdringend, gleich schnell im Erfassen der Lage und im Entwerfen der Pläne. Aber der Körper ist von den jahrelangen, nie aufhörenden Kämpfen müde geworden. Und wie seine leiblichen Glieder allmählich erschlaffen, so auch seine geistigen: seine Unterführer. Die Herren Marschälle funktionieren nicht mehr wie früher. Sonst blitzschnelle Vollstrecker seines Willens, sind sie jetzt unsicher und zaghaft und nur, wenn er persönlich dabei ist und sie antreibt, von dem gleichen Elan wie ehemals. Und der Kaiser, sonst scharf und vernichtend in seiner Kritik auch dem besten Freund gegenüber, ist jetzt sanft und nachsichtig geworden und vermeidet die verletzenden Worte, die ihm sonst so schnell auf die Zunge kamen. Ich habe mich gewundert, wie milde er heute dem Marschall Ney kam, dessen Trödeln vorgestern das Mißlingen seines schönen Einkreisungsplans verschuldet hatte.“

„Ich nicht“, sagte Soult. „Der Kaiser macht eben keine unnützen Worte. Kein Wort kann am Geschehenen etwas [pg 412]ändern. Was vorbei ist, ist vorbei. Als Ney gestern vor ihm stand, da stand er nicht als Vertreter seines gemachten Fehlers da, sondern als Träger einer Hauptaufgabe in der nächsten Schlacht!“

„Die er uns denn auch verpatschen wird“, antwortete Friant brummig. „Das weiß Napoleon auch ebensogut wie wir. Er war keinesfalls von Nachsicht gegen Ney beseelt. Er war nur vorsichtig. Er hat im Vorjahre eben an seinen treuesten Dienern die bittere Erfahrung machen müssen, daß ein Abfall auch bei denen möglich ist. Das brennt sich in die Seele ein. Den Treueid Neys hat er auch einschätzen gelernt, als der gute Fürst von der Moskwa, wenn auch zu seinen Gunsten, den Bourbonen den feierlichen Treuschwur brach. Auch wird er niemals am eisernen Käfig vorbeikommen, in dem Ney versprochen hatte, ihn nach Paris zu bringen. Der steht immer zwischen ihm und dem Marschall. Mir scheint es jedenfalls seitdem immer, als sprächen sie durch das Gitter jenes eisernen Käfigs miteinander, und als wüßten sie alle beide dabei nicht recht, wer von ihnen drinnen und wer draußen ist. Ein gutes Zusammenarbeiten gibt das nicht. Napoleon ärgert sich heimlich, weil er Ney nicht entbehren zu können glaubt. Und Ney ist unzufrieden, weil er schwach war und sich wieder gebrauchen lassen muß. Denn er ist schwach – er ist gänzlich ohne Charakter – er ist dumm, geistlos, hat nichts als sein tapferes Herz und seinen Löwenmut, der alles mitreißt und in Flammen setzt. Wie fest glaubte nicht der Schwachkopf an seine eigenen Worte, als er vor einem Vierteljahr an der Spitze einer Armee auszog, um Napoleon zu fangen. Und kaum erblickte er den grauen Mantel und den schwarzen Dreispitz Napoleons wieder, da schrie er zuerst von allen sein ‚Vive l’empereur!‘ und führte den Kaiser im Triumph in die Tuilerien. Und dann war wieder die Reue da mit dem bösen Gewissen über den gebrochenen Treueid an Ludwig, den er niemals hätte schwören dürfen, den er aber, einmal gegeben, hätte unbedingt halten müssen. Er fuhr auf seine Güter, zeigte sich nicht bei Hofe und stellte sich nicht beim Kriegsausbruch, er ebensowenig [pg 413]wie Berthier, Massena, Angereau und all die anderen. Aber – kaum schreibt ihm Napoleon die paar Worte: ‚Beeilen Sie sich, wenn Sie meine erste Schlacht noch mit ansehen wollen‘, da wirft er sich aufs Pferd, galoppiert los, ohne Gepäck und nur von einem Adjutanten gefolgt, reitet die Pferde kaputt, nimmt von Mortier dessen Pferde in Maubeuge und kommt noch früh genug, um das Kommando des ganzen linken Flügels zu bekommen und uns die vorgestrige Schlacht zu verderben. Ich habe nach dem allen nicht viel Vertrauen mehr zu seiner Führung.“