Soult antwortete nicht. Es war ihm peinlich, über einen alten Kriegskameraden zu Gericht zu sitzen. Aber der alte Friant hatte sein Thema noch nicht erschöpft.

„Es ist merkwürdig,“ sagte er noch, „wie die geringfügigsten Umstände in der Kindheit oft für das ganze Leben eines Menschen Bedeutung haben können. Sehen Sie nur Ney an, diesen baumlangen, pausbäckigen, rotwangigen Recken, mit seinem dichten, hellblonden Haarschopf. Er ist reich und mächtig, er ist Herzog und Fürst geworden und hat einen Namen, von dessen Ruhm Europa widerhallt. Und doch sieht man ihm immer noch den früheren Böttchergesellen an – den biederen Deutschen, brav, aufbrausend und rauflustig, der seine Keile wuchtig wie wenige eintreibt – wenn der Meister danebensteht. Sonst nicht! Er ist der typische deutsche Landsknecht, wie er durchs ganze Mittelalter hindurchraste. Denn deutsch sind die Leute aus seiner lothringischen Heimat, und sie werden niemals rechte Franzosen.

Napoleon wiederum, er war das Kind des Schreckens – von seiner Mutter, in der Aufregung der Flucht, zu früh geboren. So eilig hatte er es, auf diese Welt zu kommen, daß die Mutter nicht einmal Zeit fand, das Bett aufzusuchen, sondern ihn auf einem Teppich gebar, der voll von Helden- und Heroenkämpfen des Altertums war. Auf dem Teppich ist er sein Leben lang geblieben! Aus dem Kampfgetümmel kommt er nicht mehr heraus! Die Schreckensherrschaft machte seinen Aufstieg möglich! Schrecken verbreitete er überall, wo er hinkam, Liebe nicht.“

Heftige Rufe: „Vive l’empereur!“ wurden laut. Die beiden Reiter hielten an vor dem hochgelegenen Pachthof La Belle-Alliance, von dem sich die Chaussee jäh in das Tal senkt, und konnten von hier aus die in voller Schlachtordnung aufgestellte französische Armee überblicken.

„Hören Sie selbst,“ sagte Soult, „wie die Leute Ihre Worte Lügen strafen!“ und zeigte nach links in die Ferne, wo die schwere Kavallerie Kellermanns hielt. Dort nahmen die Kürassiere eben ihre Helme auf dem Pallasch hoch und schwangen sie über den Köpfen, daß sie in der Sonne blitzten. Die Bewegung pflanzte sich fort, je nachdem die kleine Gruppe Reiter, deren erster Napoleon war, die Reihen durchritt. Die Lanciers nahmen gleichfalls ihre Tschakos auf die Piken und huldigten ebenso begeistert ihrem Kaiser. „Vive l’empereur!“ schallte es ununterbrochen und rollte wie ein Donner durch die Gegend.

„Sie entschuldigen, Herr General, ich muß aber schnell hin!“ sagte Soult dann plötzlich, grüßte artig, gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte davon.

Friant hielt sein Pferd, das mitgehen wollte, zurück, blickte über das Feld hinaus, ritt dann langsam zur Garde hinüber, die im letzten Treffen aufgestellt war, und nahm seinen Platz an der Spitze seiner „Bärenmützen“ ein.

Kurz darauf langte Napoleon nach beendigter Truppenbesichtigung am Pachthof an.

An seiner Seite ritt sein Bruder Jérôme. Im Gefolge die Marschälle Soult und Ney und die Generäle Lobau, Reille und d’Erlon.

Der Kaiser schwenkte sein Pferd herum und hielt an.