„Ich sehe sie.“

„Es ist das Schloß Houguemont. Ich habe englische Garden drinnen festgestellt. Werfen Sie sie hinaus. Erstürmen Sie dann die Böschung des Plateaus und schlagen Sie den Rest der englischen Garden, die mit den Holländern und den Braunschweigern dort das Plateau garnieren. Suchen Sie ihnen den Vereinigungspunkt der Chausseen von Nivelles und von Charleroi zu entreißen, und drängen Sie auch den rechten feindlichen Flügel in den Wald. Sie werden den rechten englischen Flügel nicht umgehen können. Wellington hat ihn, in seiner Angst, vom Meer abgeschnitten zu werden, doppelt so stark bedacht wie den linken. – Bis nach Hal haben [pg 417]wir seine Truppen feststellen können. Dort stehen mindestens 15 000 Mann. Dafür hat er hier höchstens 75 000 Mann beisammen, deren wir leicht Herr werden – wenn jeder seine Schuldigkeit tut und heute meine Befehle genau und auf die Minute befolgt.“

Die letzten Worte sprach er mit etwas erhöhter Stimme und einem raschen Seitenblick auf den Marschall Ney, dessen lange Gestalt etwas abseits hin und her tanzte, da er sein Pferd in seiner Ungeduld immer wieder mit den Sporen kitzelte und es so zum steten Pirouettieren brachte.

„Ney ist verdrießlich“, flüsterte Napoleon seinem Bruder zu. „Es reut ihn, vorgestern dem Teufel der Unentschlossenheit Einlaß in seine Seele gewährt zu haben. Ich habe meinen Ohren nicht getraut, als ich seine Ausreden hörte. Er hat tatsächlich geglaubt, bei Quatrebras die ganze englische Armee vor sich zu haben, statt, wie ich bestimmt annehmen durfte und ihm auch sagte, nur ein paar tausend Mann, die in zehn Minuten zu erledigen gewesen wären. Dieser dumme Kerl erlaubt sich, noch auf eigene Gefahr hin denken zu wollen, obwohl er weiß, daß ich für ihn und für euch alle zu sehen und zu denken pflege! Er hat mich gar verbessern wollen – – und hat mir so meinen schönen Plan verpfuscht. Hätte er gehorcht, wir stünden jetzt in Brüssel, und Wellington hätte nimmermehr gewagt, sich mir hier in den Weg zu legen. Jetzt hofft Wellington auf den Beistand der Preußen. Den soll er aber nicht haben, wenn mir Grouchy heute ein wenig besser gehorcht als Ney vorgestern! – Auf Ihre Plätze, meine Herren!“ rief er laut den Generälen zu.

D’Erlon, Reille, Lobau und Ney grüßten, warfen ihre Pferde herum und setzten sie in Trab in der Richtung, aus der sie mit dem Kaiser gekommen waren.

„Heute wollen wir vor allem kaltes Blut bewahren, lieber Ney“, rief dieser noch dem Marschall nach, dessen hochrotes Gesicht sich dabei ganz dunkel färbte.

„Der tolle Kerl wird mir heute durch die Lappen gehen, um sein vorgestriges Trödeln wieder gutzumachen“, sagte der Kaiser halb für sich, winkte seinen Leibpagen heran und [pg 418]befahl ihm, den Tisch mit den Karten auf dem kleinen Hügel, der sich etwas abseits von der Chaussee erhob, aufstellen zu lassen. Er blickte dann über die Gegend hinaus, nach rechts in die Verlängerung des Tales hinein, wo sich vier Lieues entfernt die Türme des Städtchens Wawre auf dem blauen Dunst matt abzeichneten und der Lasne-Bach auf dem Grund des Tales sein silbernes Band hinschlängelte.

Von dort mußte Grouchy mit seinen 30 000 Mann kommen. Er müßte auch schon unterwegs sein. – Zwei Kuriere waren ihm schon während der Nacht mit dahingehenden Befehlen gesandt! Man sollte ihm gleich noch einen Boten schicken, wenn sich nicht bald die Spitzen seiner Kolonnen drüben auf der Höhe zeigten, wo die Kapelle von St.-Lambert weiß leuchtete.

Noch einmal umfaßte Napoleon mit einem Blick das ganze farbenprächtige Bild, das jetzt vom frei flutenden Sonnenlicht auf das prächtigste vergoldet wurde. Seine Haltung straffte sich, seine Augen leuchteten.

„Die Erde ist stolz, so viele tapfere Männer zu tragen“, sagte er. „Die ganze Natur lächelt unseren Helden und grüßt sie mit Siegesglanz!“