Vanitas! Vanitatum vanitas!

Man kämpft und strebt, ringt um Erfolg und Ehren, kommt weit herum, sieht fremde Gesichter, knüpft neue Freundschaften an, bekommt Familie, schlägt irgendwo, wo’s der Zufall will, Wurzel, wird in neuer Erde bodenständig, glaubt sich dort beheimatet und bleibt ihr im Innersten doch ein Fremder.

Die Wurzeln, die einen noch an die Heimaterde binden, verkümmern oft, zerreißen aber nie. Die Träume und Erinnerungen lassen Vergangenes wieder lebendig erstehen. Man wandelt in ihnen noch auf den Gefilden der längst verflossenen Kindheit, balgt sich mit den alten Gespielen [pg 436]herum, erlebt die ersten Hoffnungen, die ersten Enttäuschungen wieder, und bei jedem weiteren Schritt im Leben kehren die Gedanken wieder zu ihnen zurück. Und über allem anderen, über Siegesrausch und Triumph, leuchtet dann die Frage: „Was werden die alten Gespielen, die Freunde, die Verwandten dazu sagen! Sie werden sich wundern, wie weit ichs im Leben gebracht habe! Ich, von dem sie so wenig hielten und dessen Flucht ins große Leben hinaus nur ihr mitleidiges Mißtrauen in den Erfolg begleitete!“

Endlich hat man den Erfolg errungen. Man hat festen Boden unter die Füße bekommen. Und doch kommt keine rechte Siegesfreude auf, ehe nicht die engere Heimat ihren Segen zum Gelingen gegeben hat.

Man brennt darauf, diesen Triumph zu feiern, kehrt wieder heim, sucht alte Stätten, Wege, Gefilde auf, läßt die Blicke nach gewohnten Zielen schweifen und wird gleich enttäuscht.

Warum kommt nicht dort um die Ecke Freund Fritz gelaufen, munter, lustig und zu jedem Streich bereit?

Wo bleibt heute Nachbars Lene, die sonst immer durchs Gartentor huschte, sogleich bereit, den Zoll der Freundschaft von ihres Vaters Apfelbäumen zu entrichten?

Und der Herr Pastor, der würdig dort die Straße herunterschreitet, das Meßbuch in den fromm gefalteten Händen, die Blicke gesenkt, der Küster mit dem Kruzifix im gleichen Trott hinterher, wie hat er sich verjüngt! Damals Schnee in den reichen Locken, jetzt blondester Flachs!

Dort sperrt ein fremdes Haus den gewohnten Blick über den Fluß, und endlose Speicherbauten machen sich rücksichtslos auf dem Gelände breit, wo die gewaltigsten Ereignisse der frohen Kindheit sich abspielten. In den Grünspan der Kirche sind frische Flicken von blankem Kupfer getrieben – das Glockenspiel von damals knarrte und schnarrte ganz anders, ehe es zum Herunterbimmeln des altgewohnten Chorals mit hinkendem, aber würdevollem Pathos ausholte –, auch der Straße am Elternhause gab die neue Zeit neues Pflaster!

Und dann die zahllosen neuen Gräber auf dem Kirchhof, die die altvertrauten schier verdrängen wollen!