Liegen wohl da alle die, deren freundliches Staunen ob spät, aber doch endlich gewonnener Anerkennung man heranzufordern kam?

Ja –, wozu war denn schließlich alles da?

Wozu der Kampf und Sieg, wenn eben die, die die schönsten Kränze aufrichtiger, selbstloser Freude winden würden, längst die Eitelkeit alles Erdenstrebens mit etwas Besserem vertauschten? Wären sie wenigstens in der Erinnerung geblieben, wie sie waren – jung, lebenslustig, übermütig, unbesiegbar. In der Erinnerung der Kindheit lebte bis jetzt noch alles, was seither im Aufblühen die Seele erfüllte! Und jetzt, nach dem Wiedersehen, verblaßten auch dort die Bilder und schwanden für immer. Die neue Wirklichkeit löschte ihre glühenden Farben aus – eintönige, gleichgültige Leere umfing die Sinne – das treu im Herzen gehütete Heiligtum sank hin, und Bitterkeit, Enttäuschung und unendliche Wehmut lagern über dem Trümmerfeld teurer Erinnerungen.

Darüber dämmerte aber wie ein Hauch der Ewigkeit die Antwort, die die Heimat dann dem spät Wiederkehrenden gab: „Was du suchtest, fandest du: Ehren, Ruhm, Reichtum – für dich, aber nicht für mich! Hofftest du auch von mir Kränze, und spornte dich das zu immer neuem Ringen an – jetzt bist du ja am Ziel – jetzt brauchst du meine Kränze nicht mehr! Jetzt blüht dir nur noch die Erkenntnis, die ich dir als letzte Lehre auf deinem letzten Wege mitgebe: „Aus dir selbst bist du nichts! Was du geleistet hast, wurde dir vom Geber aller Gaben geschenkt! Sei dankbar, demütige dich! Was suchst du noch im Staube nach Ehren! Das Loch in der Erde ist dir sicher, mehr kommt dir nicht zu!“

Das ist hart.

Das bange Vorgefühl dieser Härte war’s wohl auch, das ihn immer wieder davon abgehalten hatte, den Weg zurück zu beschreiten, um nicht eher jene Illusion zu verlieren, die [pg 438]ihm sooft sieghaft über alle Enttäuschungen des Lebens hinweghalf, bis sie nicht mehr gebraucht wurde. – –

Lange stand er noch, die Augen auf die glitzernde Wasserfläche gerichtet, mit den Gedanken spielend, die über ihn gekommen waren – am Grab der Eltern – unter den Bäumen im Garten, wo er sooft als Junge geklettert war – dort unten am Ufer, wo er sich mit all den anderen Rostocker Rüpeln nach Herzenslust gebalgt hatte – mit Hans Jörg und Jochen und Christian Faber, und wie sie alle hießen!

Am Ufer der Warnow war ihr Schlachtfeld gewesen. Die merkwürdigsten Manöver hatten sie dort unten ausgeführt, unsterbliche Heldentaten verrichtet, Siege erfochten, gegen die Hamilkars und Hannibals das reine Nichts waren – sie hatten in Blut gewatet, hatten die Leichen haufenweise übereinandergetürmt! Und nach beendigter Schlacht waren die Gefallenen ohne Ausnahme wieder lebendig geworden und zogen am nächsten schulfreien Nachmittag wieder seelenfroh in den Kampf.

Und der Festungskrieg, der sich dort zwischen den Bretterstapeln abgespielt hatte, der spottete jedes Vergleichs!

Viele brave und werte Genossen waren ihm in den späteren Kämpfen seines Lebens nahegekommen, aber keiner näher als die Gespielen, die ihm halfen, die ganzen ungeheuren Erlebnisse der Kinderphantasie zu gestalten.