Dann kam der neue Chef heran in vollem Galopp, schlank wie ein Jüngling, stolz wie ein Sieger. Spielend leicht lenkte er sein Pferd mit gewaltigem Sprung über die das Feld umschließende Hecke und hielt jäh an, gerade [pg 60]vor der Schwadron des Majors von Planitzer, wo auch der gute Sachse Häberlein seinen Kopf noch aufrecht hielt, aber von unzähligen Binden zu einem dicken weißen Knäuel verunstaltet, durch den sein sonst so rühriges Mundwerk zur Untätigkeit verdammt wurde.

Die dunkelblauen Augen Blüchers blitzten vor Freude, als sie die Reihen seiner kriegserprobten Kämpfer überflogen.

„Guten Morgen, Husaren!“ rief er mit weithin schallendem Baß.

„Guten Morgen, Exzellenz!“ kam es aus den Reihen zurück, daß es nur so donnerte.

„Ich freue mich, euch zu sehen!“ setzte er die Rede fort. „Ihr habt euch immer brav gehalten! Ich habe mich auch gefreut, Seiner Majestät melden zu können, daß ihr unter meiner Leitung schon elf Kanonen, sieben Munitionswagen und fünf Fahnen erobert und einen Generalleutnant, hundertsiebenunddreißig Offiziere, dreitausenddreihundertsiebenundzwanzig Mann, elfhundertvierunddreißig Pferde gefangen habt, sowie, daß kein Offizier des Regiments in Gefangenschaft geriet und kein Unteroffizier gefallen ist. Seine Majestät haben daraufhin geruht, mir selber zu schreiben, haben mir den Roten Adler verliehen, mich zum Generalmajor und zum Inhaber des Regiments gemacht, außerdem mich beauftragt, euch seine Allerhöchste Zufriedenheit auszusprechen. Eurer Tapferkeit und eurem unwiderstehlichen Mut verdanke ich diese Ehrungen, die euch allen in meiner Person zuteil werden.

Kinder, ihr habt euch einen guten Namen gemacht! In der ganzen Armee achtet man die Roten Husaren, und der Feind fürchtet sie! Ich bin stolz auf euch und freue mich, daß das Regiment von jetzt ab meinen Namen führen soll! Das eine merkt euch aber: ein Blücherscher Husar stirbt, aber er kapituliert nicht! Seine Parole ist: immer vorwärts und nimmer zurück! Sein höchster Stolz: Blut und Leben für König und Vaterland opfern zu dürfen! So wollen wir’s halten, und das geloben wir, indem wir [pg 61]rufen: Seine Majestät, unser allergnädigster König und Herr, er lebe hoch!“

Donnernd brausten die Hochrufe über das Feld, die Fahnen senkten sich, die Tambours schlugen den Generalmarsch. Der rangälteste Offizier schickte sich eben an, im Namen des Regiments zu danken und Glück zu wünschen. – Da löste sich aus dem ersten Gliede der Schwadron von Planitzer eine Gestalt und kam langsam und feierlich auf den General zugeritten. Er scherte sich nicht das geringste um das Entsetzen der Offiziere und Mannschaften, schreckte auch nicht vor dem zornigen Blick zurück, der ihm aus den Augen Blüchers entgegenblitzte, er zuckte mit keiner Miene, ritt bis dicht vor den General heran, salutierte mit dem Säbel und sprach ohne das geringste Zittern in seiner Stimme: „Holten zu Gnaden, Exzellenz, wenn ich vorwitzig bin und mich vor Dero Antlitz dervorwage! Wo aber Dero Exzellenz heut eene geworden sind, und ich an de Sache nich aso ganz unschuldich bin, mecht ich alleruntertänichst melden, daß ich ooch meine ganz besondere Freide an Dero Erhebung habe!“

„Wieso, mein Sohn? Was meinst du damit? Sprich aus, was du auf dem Herzen hast!“ antwortete Blücher, dessen Augen anfingen, schelmisch zu leuchten. Sonst von unerbittlicher Strenge beim geringsten Verstoß gegen die Disziplin, war er heute gern gesonnen, ein Auge zuzudrücken, wenn keine Böswilligkeit vorläge. Und der Bursche, der einen ernsten, soliden Eindruck machte, hatte wohl einen besonderen Grund zu seiner Dreistigkeit.

„Wieso meinst du, daß du an der Sache nicht unschuldig bist?“ fragte der General nochmals.

„Weil Dero Exzellenz ohne mei Derzwischenkumma nich General geworden wären!“