„Das ist eben gut!“
„Der Teufel auch!“
„Denn je mehr sie leiden müssen, je mehr Haß sie gegen die Gewalthaber aufbringen, die ihnen die neue Ordnung aufzwingen, um so eher haben wir sie wieder. Und die neue Ordnung auch. Die haben wir bitter nötig. – Aber leider können wir sie nur von draußen bekommen. Von selbst bringen wir nicht die Entschlußkraft auf, das Alte und Überlebte abzustreifen. Sehen Sie bloß auf die Armee hier und drüben. Was hat aus den lumpigen ‚Ohnehosen‘ im Handumdrehen eine Armee gemacht, von deren Ruhm die ganze Welt widerhallt? Was gab ihnen die Kraft? Sind sie etwa besser als wir? Haben sie die größere Ausdauer, die besseren Knochen oder mehr Mut und Tapferkeit und Todesverachtung?“
„Nein, zum Kuckuck!“ rief Blücher. „Den möchte ich sehen, der das zu behaupten wagt!“
„Ich auch“, sagte der Prinz. „Und doch sind sie uns voran. Weil sie das Söldnertum abgestreift und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt haben. Wie sieht’s dagegen bei uns aus? Mannschaften, zum großen Teil aus der Hefe aller Welt aufgelesen, Gauner und lose Leute, die nur mit Gewalt und entehrenden Strafen zusammengehalten werden, immer dem Volk fremd bleiben und ihm feindlich gegenüberstehen müssen! Offiziere, die mehr Unternehmer als Diener des Staates sind – die aus ihren Bataillonen und Regimentern große Einnahmen herauswirtschaften wollen und das nur können, wenn ihre Leute beurlaubt sind und sie ihre Löhnung in die eigene Tasche stecken können. Die brauchen den Frieden wie das liebe Brot! Solchen Kriegern ist der Krieg das größte Unglück. Wir können heilfroh sein, wenn wir keinen ernsthaften Kampf zu bestehen haben werden, ehe diese Zustände mit Stumpf und Stiel ausgerottet sind. Und dazu können wir, Sie und ich, nichts tun, als immer wieder die Stimme erheben – um nicht gehört zu werden. Die Widerstände sind zu groß. Wir haben, wenn nicht die Revolution, so doch zum mindesten ein großes [pg 70]Unglück nötig, um diese Leute und Zustände, die nicht mehr taugen, fortzufegen!“
„Nee, nee!“ rief Blücher eifrig. „Wir brauchen keine Revolution, die alles kaputt macht. Das Gute, was sich bewährt hat, muß bleiben – und viel Gutes steckt in unserer Armee! Das Schlechte muß zum Teufel! Dazu haben wir bloß ein paar richtige Kerls an richtiger Stelle nötig. – Ein paar Donnerkerls am Kommando, mit klaren Augen und derben Fäusten, die zupacken können. Und dann bloß ein bißchen mehr Entschlußkraft da oben! Das Weitere besorgt schon die preußische Armee. Die nimmt’s noch mit jedem auf. Noch hat sie ihren alten Ruhm. Der wiegt mehr, als mancher hier zu Hause denkt – weit mehr als der ganze welsche Kram. Sorgen Hoheit nur dafür, daß wir nicht immer mit Ketten am Fußgelenk marschieren müssen, dann ist auch kein weiterer Grund zur Schwarzseherei. Außer für den Franzmann!“
„Hätte ich die Entscheidung,“ sagte der Prinz, und es blitzte in seinen blauen Augen auf, „dann könnte es schon morgen losgehen. Darüber hatte ich mich übrigens schon mit Frau Gemahlin geeinigt“, fügte er hinzu, sie galant ins Gespräch hineinziehend.
„Du willst doch nicht auch –?“ drohte ihr Blücher scherzhaft.
„Die Frau Generalin ist ganz für die Kriegspartei gewonnen, lieber Blücher. Da hilft Ihnen kein Sträuben!“
„Aber Malchen! Da haben wir am Ende schon den häuslichen Krieg?“