„Hannover“, sagte der Prinz und senkte die Stimme. „Die Frucht ist längst reif. Wenn ich nur zu befehlen hätte! Aber es sieht wieder aus, als würde die gute Gelegenheit verpaßt werden, wie schon sooft bei uns.“
„Ein Wort nur,“ rief Blücher, „und ich nehm’s! Ich laure ja nur darauf! Hannover müssen wir haben. Die Engländer können’s nicht halten, und nehmen wir’s nicht, so nehmen’s die Franzosen. Und die können wir nicht ein paar Tagemärsche von Berlin gebrauchen!“
„Nein, das können wir nicht!“ rief der Prinz. „Wenn Sie und ich und noch ein paar solche Leute, die das und vieles andere einsehen, auch freie Hand hätten, dann wäre es im Handumdrehen besorgt! Aber bei uns geht alles nach der Schablone! Was alt und verknöchert ist, sitzt oben und gebietet, nur weil es von alters her Tradition war. Und Jugend und Wagemut müssen die Zähne zusammenbeißen und tatenlos beiseitestehen. Herrgottsakrament!“ platzte er mit einem Soldateneid heraus, ohne an die Anwesenheit der jungen Frau zu denken. „Ich liebe die Franzosen nicht. Aber auf die Kerls bin ich doch neidisch! Es war ja scheußlich, wie sie in den acht Jahren der Revolution das Oberste zu unterst kehrten, wieviel Wertvolles und Unersetzliches sie in Trümmer schlugen und im Sumpf und Blut erstickten. Aber das hat manche tüchtige Kraft zum Wohl der Gesamtheit auf den rechten Platz im Staate gestellt! Denken Sie nur an den Advokatensohn von Korsika, der heute als Erster Konsul gebietet. Was hat er nicht in den paar Jahren geleistet, seit wir zum erstenmal den Namen Bonaparte hörten! Glauben Sie aber nicht, wir, Blücher, Sie und ich, hätten das Zeug zu gleich Großem, hätten wir nur die Gelegenheit?“
„Die Gelegenheit ist da, zum Greifen nahe! Sie war immer da! Nur wagt man nicht, sie auszunützen! Man verwehrt uns das Losschlagen! Hier stehe ich schon, Gott weiß wie lange, auf demselben Fleck in Emmerich auf Vorposten und fluche und schmöke meinen Knaster und blicke über den Rhein, ob nicht der Franzmann mir bald den Gefallen tun wird, in Schußweite zu kommen! Statt übers Wasser zu setzen, in Frankreich hineinzumarschieren, den Parisern bon jour zu sagen und dem Herrn Bonaparte zu zeigen, daß Preußen noch auf der Welt ist! Der hätte dann anderes zu tun gehabt, als über die Alpen zu kraxeln und sich bei Marengo billige österreichische Lorbeeren zu kaufen! Dafür hätte ich gesorgt! Das kommt aber noch, und das ist meine feste Überzeugung!“
Der Prinz antwortete nicht. Sie waren jetzt vor dem in [pg 73]einem Garten gelegenen Wohnhause des Generals angekommen.
Der hohe Gast wurde durchs Haus geführt, alle Räume wurden ihm gezeigt – auch die Wohnräume der jungen Frau. Denn in einer Zeit, wo das schöne Geschlecht noch im Bett zu empfangen pflegte, weil es die Sitte so gebot, war ihr Allerheiligstes ein Raum, auf den jeder Gast, der nicht unwillkommen erscheinen wollte, ein Anrecht hatte. Und der Prinz ließ es sich auch nicht nehmen, ihrem wohlverhängten Bett seine Huldigung darzubringen.
Die junge Frau am Arm, wanderte er so, von dem vorangehenden Hausherrn geleitet, leicht plaudernd, von Raum zu Raum. Im Zimmer des Generals bewunderte er mit Kennerblicken dessen reichhaltige Waffensammlung, ließ es zu, daß Blücher, bei Vorzeigung seiner Schätze, seine unvermeidliche kurze Pfeife ansteckte, scherzte nur über den Qualm, den er produzierte, und meinte, es käme ihm vor, als ob er in Vulkans Schmiede zu Gast wäre, um im Rauch und Qualm der unterirdischen Gewölbe Waffen, Rüstungen und andere kostbare Erzeugnisse seiner kunstfertigen Hand zu bewundern!
„Um so eher,“ sagte er, galant der jungen Frau die Hand küssend, „da es mir wie dem Kriegsgotte Mars ergeht, als er in der gleichen Lage war.“
„Wie denn?“ fragte die Generalin lächelnd.
„Ihm schwanden auf einmal die soeben angestaunten Schätze. Das Gold verlor seinen Glanz, die Edelsteine erloschen, die Blitze der blanken Waffen trafen nicht mehr, sondern verpufften ihre Funken umsonst!– Alles verblaßte, denn aus dem innersten Gewölbe trat ihm Vulkans hehrster Schatz entgegen: die Göttin Venus selbst, lebendigen Leibes – und er war geblendet.“