Da – kaum daß wir gesiegt hatten – kam der Befehl, zurückzugehen, alles war umsonst gewesen! Denn anderswo lief nicht derselbe Feuergeist an der Spitze! Da hatten sich die Österreicher abdrängen lassen, und da half uns kein Fluchen. Heute aber, wo jener junge Held mein Gast ist, heute möchte ich mit ihm mein Glas darauf leeren, daß der Offensivgeist und die Entschlußfreudigkeit, die uns beide damals beseelten, immer mehr maßgebend werden und nimmermehr in so schmachvolle Abhängigkeit kommen mögen!“
Sie stießen an und tranken. Der Prinz dankte, schlug aber ab, für seine Person irgendeine Ehrung zu empfangen. Die gebühre der Vertreterin des schönen Geschlechts. Er brachte dann auch a tempo einen Trinkspruch auf sie aus, so glutvoll und stürmisch, daß ihr das Blut in die Schläfen trat, und ihr Mann, um abzulenken, wieder das Wort nahm.
„Es ist ja zu verstehen,“ sagte er, ruhig lächelnd, „daß [pg 77]ein junger Mann in seiner Huldigung der holden Weiblichkeit sich in Lobsprüchen ihrer körperlichen und geistigen Vorzüge ergehen und den ganzen Wortschatz der Galanterie aufbieten muß, um ihres Liebreizes Herr zu werden. Es gibt aber Augenblicke, wo die Huldigung vor einer Frau keine Worte findet – wo sie uns, durch ihr bloßes Dasein, derartig in den Staub vor ihrer Hoheit zwingt, daß wir verstummen müssen. Wer einmal sein eigenes Kind an der Brust der Mutter sah – wer erblicken durfte, wie es gesättigt, still daliegt, ihre Brust mit seiner kleinen Hand sanft streichelt und sie dankbar anlächelt, mit einem Blick voll tiefster Verehrung –, wer einmal diese Weihe empfinden durfte –“
„Der scheint doch auch Worte dafür zu finden“, sagte der Prinz rasch, dem General ins Wort fallend. Denn er wußte, daß dessen jetzige Ehe kinderlos war, und sah einen Schatten über das Gesicht der jungen Frau huschen.
Ein dankbarer Blick aus ihren Augen lohnte es ihm.
Der General sah es und verstand wohl, wie sehr er sich in Nachteil gesetzt hatte. Er ließ sich aber nichts merken, schenkte die Gläser voll, trank seinem Gast zu, und so allmählich fing man wieder an, alles rosenrot zu sehen, vergaß alle wirklichen und eingebildeten Sorgen, lachte, scherzte und freute sich wie ein Kind über jede Kleinigkeit. Und als die Sonne schon im Westen sank und man sich anschickte, auf die Terrasse zu gehen, um sie hinter den Hügeln drüben verschwinden zu sehen, da war’s dem Prinzen so gegangen, wie seinem Gastgeber selbst bei dem denkwürdigen Essen im Hause seiner nachmaligen Schwiegereltern – er hatte zu tief in die großen Augen der jungen Frau geblickt. Ihr Lächeln hatte es auch ihm schon angetan. Und – als die letzten Strahlen der Sonne die leichten Abendwolken zu vergolden anfingen und den Himmel in Brand setzten, da loderte sein leicht entzündbares Herz schon lichterloh. Er wurde blind und taub, sah nicht die finsteren Blicke seines Gastgebers, hörte nicht den verhaltenen Unmut, der, trotz allen schuldigen Respekts, in seiner Stimme zitterte.
Er flüsterte ihr zärtliche Worte zu, verliebte Blicke flogen hin und her. – Denn die Märchenprinzen waren nicht allzu häufige Gäste, und die gute Erziehung gebietet Höflichkeit! Komplimente aus hohem Munde werden also selten anders als mit dankbarer Rührung empfangen.
Kurz, der Prinz war auf dem besten Wege, seine kurz vorher so beredt dargelegte Absicht auch praktisch zu bestätigen, daß er’s schon verstehen würde eine Gelegenheit auszunützen – sobald er sie hätte!
Schließlich merkte die junge Frau an den Blicken ihres Mannes, daß sie das Spiel zu weit hatte gehen lassen.
Schnell suchte sie der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben und erbat sich vom Prinzen die Gnade, sich an seiner weit und breit gerühmten Fertigkeit im Klavierspiel ergötzen zu dürfen.