„Haben Sie den Friedenssaal gesehen, wo der Westfälische Friede gemacht wurde?“
„Ich war drin!“
„Haben Sie sich die Bilder von all den Gesandten genau angesehen, die jenen sauberen Frieden gemacht haben, deren Namen längst vergessen sind? Die hängen da mit Recht zur ewigen Schande der Zunft. Weil sie unser armes, verwüstetes, entvölkertes und ausgeplündertes Deutschland beim Friedensschluß noch mehr zerstückelten und dem Fremden verschacherten, damit er es auf Jahrhunderte hinaus als Tummelplatz für seine Kriegsvölker gebrauchen konnte. Haben Sie sie gesehen?“
„Man zeigte sie mir!“
„Nun – haben Sie jemals so ’ne Sammlung Schafsköpfe beisammen gesehen? Diplomatiker, wie nur wir sie noch heute haben – Schlauberger ihrer eigenen Meinung nach, die so gut wissen, wie alles verkehrt gemacht werden muß, nachdem die Welt sich verblutet hat! Und nachher müssen wir wiederum bluten – weil die so überschlau waren, so saudumm zu sein! Sehen Sie sich die noch einmal an! Und nachher gehen Sie nach Berlin, und lassen Sie sich [pg 99]zum Minister machen! – Räumen Sie mit dem Gesindel auf, rotten Sie’s mit Stumpf und Stiel aus! Da rennen Sie mit Ihrem harten Verbrecherschädel das ein, was zuerst herunter soll! Da haben Sie morsches Gemäuer genug für Ihren Bedarf! Kreuzelement, was die Leute bloß alles anrichten! Was die an guten Gelegenheiten vorübergehen lassen – wie die uns allmählich von allen Freunden trennen und die ganze Welt gegen uns aufbringen! – Weil das Schlappschwänze sind, müssen wir auch dafür gelten! Ihretwegen wagt man sich an uns heran! Da müßte schleunigst einer an die Spitze – ein ganzer Kerl, der nichts versteht als nur das eine: die Wut loszulassen, die in uns allen kocht, daß wir endlich einmal wie das heilige Donnerwetter dreinsausen können und reinen Tisch machen! Wie würden wir dann in der Welt dastehen! Ich müßte da vierundzwanzig Stunden zu befehlen haben! Vierundzwanzig Stunden nur!“
„Ja, wenn Sie nur nicht zu jung wären“, sagte der Baron, über den Eifer Blüchers schmunzelnd.
„Zu jung?! Sechzig durch!“
„Werden Sie erst siebzig – toben Sie sich erst aus! Sonst werden Sie uns mit Ihrem jugendlichen Ungestüm alles kaputt machen, wenn Sie das Heft in die Hand bekommen!“
„Davor brauchen Sie keine Angst zu haben. Man ist allerhöchsten Ortes nicht so schlau, mich als Berater zu nehmen! Sonst würden wir nicht alle Tage Sachen erleben, bei denen einem Dutzende von Läusen über die Leber kriechen! Schwerenot, wenn ich bloß an das Letzte denke, wie wir nun glücklich nach vielem Hin und Her die Franzosen doch in Hannover stehen haben – alles, weil unsere klugen Herren da oben wieder so schlau waren und so gerne möchten und doch nicht zuzugreifen wagten! Himmeldonnerwetter, wie war’s mir, als ich davon Wind bekam! Ich bin kopfüber nach Berlin gereist, ich habe gefleht, ich habe geflucht – nichts hat geholfen! ‚Gehen Sie nach Münster, General‘, war alles, was man mir antwortete. ‚Dort haben [pg 100]Sie Ihr Kommando!‘ Und ich ging – und – an der hannoverschen Grenze in Diepholz, da empfingen mich schon französische Gendarmen und scharwenzelten und parlierten und machten die Honneurs, als wären sie dort zu Hause! Und Herr Mortier troff von Freundlichkeit und falschem gallischen Gemüt über! Hol’ ihn der Teufel! Wenn ich den nur wieder herausschmeißen darf! Jetzt sieht’s der König schon ein! Jetzt möchte er auch gern die Parlezvous wieder heraus haben! Aber statt mir den Befehl zu geben, sie zum Teufel zu jagen, betraut er seine Diplomatiker damit, und da wird’s noch gute Weile haben. Die Leute müßte man dem Physikus Gall in Behandlung geben. Der müßte ihnen die Schädel ordentlich befingern!“
„Ich möchte gern,“ sagte Stein und lachte in sich hinein, „ich möchte gern wissen, was Sie sagen würden, wenn Sie, als ganz Unbeteiligter, Ihren eigenen Kopf in die Finger bekämen, um ihn auf seine Fähigkeiten zu untersuchen! Ob Sie wohl wie ich denken würden?“