Nur eine blickte nicht hin. Es war die Gräfin du Mailly. Sie hatte nur Augen für den König.
Der große Moment der Entschleierung kam, die letzte Hülle fiel. Venus zeigte sich den entzückten Blicken des trojanischen Hirten in vollendeter Grazie, mit den lässig erhobenen Armen den letzten Schleier lüftend — —
Der König sah sie mit Kennermiene an, nickte wiederholt, nahm schließlich die Lorgnette und hielt sie an die Augen.
Plötzlich ließ er sie fallen. — Ein kurzer Ausruf, den niemand verstand, entfloh seinen Lippen. — Er erhob sich halb aus dem Sessel, sichtbar aufgeregt, und fiel dann zurück.
Seine Aufregung fiel allgemein auf. Man fing an zu flüstern — man zog sich von der Gräfin du Mailly zurück. Sie saß da, bleich, zerknirscht und von ihrer vermeintlichen Niederlage überzeugt.
Noch einmal hob die Barberina den Schleier — noch einmal hielt Ludwig die Lorgnette an die Augen — kein Zweifel, dort, unter dem linken Busen, war er zu sehen — deutlich zu sehen, jener winzige Fleck, vor dem er eine solche Aversion hatte! Kein Zweifel!
Er ließ die Lorgnette wieder fallen und saß da, stumm das Ende der Vorstellung abwartend. Dann stand er auf, ohne sich um die Damen zu kümmern, rief seinen Maître des plaisirs, den Herzog von Richelieu, und zog sich, von ihm allein begleitet, in seine Gemächer zurück. Im Saale war alles in heller Aufregung. Auf der Bühne ebenso, wo Carignan Barberina strahlend zu ihrem Sieg beglückwünschte.
»Noch niemals, solange ich mich erinnern kann, zeigte Majestät eine solche Teilnahme! — Sie haben einen Erfolg gehabt, wie nur Sie ihn haben konnten! Sie werden noch heute mit dem König soupieren — er zog sich mit Richelieu zurück! Dieser wird sicherlich alles veranlassen. Vergessen Sie aber in Ihrem Glück Ihren getreuen Diener nicht! — Vergessen Sie nicht, wer Ihnen den Weg ebnete!«
Er wurde von einem Kammerdiener des Königs unterbrochen, der zu Barberina herantrat und ihr ein Etui überreichte. Und dieser Kammerdiener war nicht Bachelier, sondern der Onkel der Madame d'Etioles, der bisherige zweite Kammerdiener, Binet.
»Von Seiner Majestät dem König«, sagte Binet herablassend, als sei er selbst die Majestät, und öffnete das Etui, das einen kostbaren Schmuck von Brillanten und Saphiren enthielt. — »Seine Majestät lassen allerhöchst Dero Zufriedenheit mit Mademoiselle aussprechen sowie Dero Absicht, Mademoiselle demnächst in Versailles im Beisein Ihrer Majestät der Königin — in einer anderen Rolle tanzen zu sehen!«