Er wurde mit Begeisterung empfangen und sah sich bald als Mittelpunkt eines Kreises junger Leute des höchsten Adels, die eine sehr angeregte Unterhaltung führten, bei der ihre galanten Abenteuer hauptsächlich den Gesprächsstoff abgaben.
Selbstverständlich wurde da auch der Name Barberinas genannt. Allerdings mit einem gewissen Unterton von Enttäuschung! Denn keiner der jungen Herren konnte sich rühmen, von ihr irgendeine Gunstbezeugung erlangt zu haben. Und sie war schon die zweite Saison in London.
Man hatte sich alles mögliche über ihr Vorleben erzählen lassen. Der junge Lord Albermale zeigte sich besonders gut unterrichtet — er hatte sein Wissen von Lord Arundel, der ihr in Paris — wie man sagte — nicht ohne Erfolg den Hof gemacht hatte! — Er hatte sie sogar selbst dort kennengelernt. Und wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn nicht ihre plötzliche Abreise nach England ihm jede weitere Gelegenheit zu einer Annäherung abgeschnitten hätte! Hier hielt sie sich ja hermetisch abgeschlossen. Es sei aber ein gründliches Mißverständnis ihrerseits, wenn sie dächte, dem englischen Geschmack dadurch entgegenzukommen, daß sie sich zu einer Heiligen zu entwickeln suchte!
Man denke sich nur: — eine Heilige, die, aus der Entfernung, mit den Beinen predigte! Sie würde dem Himmel schwerlich Proselyten zuführen, wenn sie sich nicht entschlösse, ihnen schon auf Erden eine Kostprobe der Seligkeit zu geben!
Die lachende Zustimmung der übrigen verstummte, als zum allgemeinen Staunen Lord Stuart für die gelästerte Schöne eintrat.
Er gebe nichts auf Verleumdungen — er möchte Lord Albermale empfehlen, auch diese Vorsicht walten zu lassen! Wer in der Öffentlichkeit stünde und gar, wie die Barberini, ein Gegenstand der besonderen Aufmerksamkeit des Publikums sei, entginge solchem Gerede niemals! Es brauche deshalb nicht auf Wahrheit zu beruhen! Er sähe nicht ein, warum eine junge Dame — denn das sei die Tänzerin unzweifelhaft —, warum sie nicht in Paris ebenso musterhaft gelebt haben sollte wie hier in London! Auf das Gerede eines als eitlen Gecken und leichtsinnigen Lebemann, wie Lord Arundel, bekannten Gentleman wäre nichts zu geben! Und er könne Lord Albermale den Vorwurf nicht ersparen, wider besseres Wissen diese, den Ruf einer jungen Dame kränkenden Gerüchte aus Ärger wegen Nichterfüllung galanter Wünsche weiterzuverbreiten! Das wäre zum mindesten nicht edel und vertrüge sich schlecht mit ritterlicher Gesinnung! Er selbst wäre jederzeit bereit, für sie — und zwar in jeder Weise — einzutreten! Er würde aber keinesfalls länger dulden, daß über ihre Tugend und ihre Keuschheit lästerlich geredet würde! Am allerwenigsten von jungen Leuten, deren persönliche Erfahrung sie eigentlich zwingen müßte, ihr das glänzendste Tugendzeugnis auszustellen, wenn ihre verletzte Eitelkeit sie nicht daran hindern würde!
Diese ruhig, aber mit einer unter dem Ernst deutlich wahrnehmbaren Leidenschaft vorgebrachte Rede Lord Stuarts bereitete der Fröhlichkeit der jungen Dandys ein jähes Ende.
Alle blickten Lord Albermale an, dem es als Angegriffenem zukam, dem jungen Herrn die gebührende Antwort auf seine Dreistigkeit zu geben.
Sie blieb nicht aus.
»Über die Tugend und Keuschheit der betreffenden jungen Dame hätte ich längst aus eigener Erfahrung sprechen können, wenn nicht das unerbetene Dazwischenkommen eines jungen Fants mich gehindert hätte!«