Vom Strome getrieben, hatte sie sich willenlos hin und her zerren lassen, bald von diesem, bald von jenem Strudel angezogen! Jetzt fühlte sie zum ersten Male so etwas wie festen Boden unter den Füßen! Sie hatte etwas gefunden, woran die Wurzel ihres Wesens sich anklammern, wachsen und erstarken konnte!

Die Sonne schien ihr zum erstenmal bis in die Seele hinein! — Sie fühlte die Wärme des Lebens in sich pulsieren! Alle Triebe erwachten und drängten zur Entwickelung! Die Seele, deren Knospen die äußere Gewalt roher Hände bis jetzt gewaltsam beschleunigt hatte, auf die Gefahr hin, sie noch vor der Entfaltung völlig zu vernichten — ihre arme, getretene Seele trieb jetzt selbst zur Entfaltung! Die äußere vergewaltigte Hülle fiel! Und rein und unberührt, in voller Unschuld, trotz alles Schlamms, durch den sie emporgetrieben war, entfaltete sich die Blume ihres Seelenlebens, in tausend Farben des reichsten Empfindens schillernd und stark und lieblich duftend!

Die große Liebe war da und hob sie mit ihrer Allgewalt aus dem Sumpf. Und alles, was ihr bis jetzt das Leben gewesen war, wurde ihr gleichgültig! Ohne Bedenken wollte sie es wegwerfen, nie wieder auftreten, nie wieder tanzen, sich ganz vom Getriebe der Bühne zurückziehen!

Sie sah nur ein Paar tiefblaue Augen, die sie anblickten — naiv, groß —, wie wenn ein Kind in einen bunten Traum hineinblickt! Sie hörte nur den Klang einer tiefen, sonoren Männerstimme — sie empfand die ganze Jugendfrische eines Heldentums, das sich ohne Bedenken bereit fand, um ihretwillen alles von sich zu werfen und, ohne Rücksicht auf Familie, Namen oder das Gerede der Welt, aus Liebe zu ihr sein Leben für sie einzusetzen!

Psyche war wieder frei!

Aber die Wandlung war zu schnell gekommen! Die Fesseln waren gelöst, aber sie lagen noch zu ihren Füßen. Sie sah sie noch — sah ihr bisheriges Leben —, sah, was ihr unwiederbringlich verlorengegangen war und wie man an ihr gesündigt hatte! — Sie war wieder frei. Aber die Schwungkraft ihrer Flügel erlahmte! Vom jähen Glück wie vom Unglück gleichermaßen erschüttert, brach sie zusammen!

Ein heftiges Nervenfieber warf sie nieder und fesselte sie für Wochen ans Krankenlager. Die »Mama« war wie verwandelt. In ihr erwachte so etwas wie böses Gewissen. Die Gefahr, in der die Tochter schwebte, hatte es geweckt. Sie sah, wie schwer sie sich aus Eigennutz an ihrem Kinde versündigt hatte, und gelobte dem Himmel, nie wieder ein männliches Wesen an sie heranzulassen, wenn es ihr bloß vergönnt würde, sie dem Leben zu erhalten! Sie nahm die berühmtesten und teuersten Ärzte, streute ihr Geld mit vollen Händen aus — alles umsonst!

Jäh, wie Barberinas Gestirn emporgeschnellt war, war es auch vom Firmament verschwunden.

Ganz London interessierte sich für ihr Schicksal. Die tollsten Gerüchte wurden in Umlauf gesetzt, man glaubte nicht an ihre Krankheit, und die Theaterleitung hatte dem Publikum gegenüber einen schweren Stand.

Das Fieber ließ nicht nach. Barberina wurde täglich schwächer und schwächer, ihre Fieberphantasien immer verworrener.