Der junge Lord Stuart suchte vergebens zu ihr zu gelangen. Ihre Tür blieb ihm wie jedem andern hermetisch verschlossen. Tag für Tag besuchte er das Theater, um zu fragen, wann sie wieder auftreten würde. Er ging in den Spielsaal Fossanos und suchte durch diesen Kunde zu gewinnen — vergebens! — Man wußte, daß sie krank war — das war alles!
Eines Tages ging er wieder zu ihrer Wohnung, bestürmte die alte Signora mit Bitten, ihn doch an das Krankenlager zu lassen, bot ihr Geld, bot ihr die Ehe mit ihrer Tochter an, begegnete aber nur kalter Abweisung und mußte unverrichtetersache wieder seines Weges gehen.
Als er auf die Straße heraustrat, wurden von reichgekleideten Trägern eben zwei Sänften vor dem Hause abgesetzt.
Zwei würdige Herren entstiegen ihnen und betraten das Haus nach langem Komplimentieren wegen der Ehre des Vortritts.
Er schlich ihnen nach, eilte die Treppe hinauf und blickte durch die angelehnte Tür des Empfangszimmers hinein.
Die Signora war zu der Kranken hineingegangen, um sie auf den Besuch vorzubereiten. Die beiden Herren waren allein. Stuart kannte sie wohl.
Es waren der berühmte Arzt Sir William Westmore und der nicht minder beliebte Modearzt Dr. Petit, dessen Wunderpillen ihm die Gunst des vornehmen Publikums erobert und den Haß seiner englischen Kollegen zugezogen hatten.
Die beiden Herren konnten sich nicht ausstehen, hüteten sich aber wohl, es merken zu lassen, und bewahrten auch im persönlichen Verkehr eine bewaffnete Neutralität, bereit, jede Blöße des Gegners auszunützen, wenn er sich durch irgendeine mißratene Kur als Scharlatan entpuppen würde. Wie ungern sie sich auch begegneten, so war es ihnen doch stets willkommen, an dasselbe Krankenlager berufen zu werden. Denn da hatten sie Gelegenheit, einander zu belauern. Jeder tat also sein Bestes, um den Argwohn des Kollegen zu entkräften, und bot seine ganze Geschicklichkeit auf — was dem Publikum nicht entging und es auch veranlaßte, sie beide kommen zu lassen, um seines Lebens sicher zu sein. Ein jeder konnte sich nicht den Luxus leisten, durch so berühmte Hände in die Ewigkeit hineinbefördert zu werden. Mama Campanini aber konnte es. Und so wurde die arme Barberina in die Hände dieser beiden Gewaltigen gegeben, die denn auch ihr möglichstes taten, um ihre Krankheit am Leben zu halten.
Doktor Petit, mager, gelenkig und lebhaft, nahm kunstgerecht eine Prise aus seiner goldenen Schnupftabakdose, um sein Geruchsorgan von den bei anderen Kranken empfangenen Eindrücken zu »reinigen«, empfahl seinem entsetzten Kollegen dasselbe Verfahren, steckte die Dose ein, bürstete den Schnupftabak von der Weste, goß dann aus einem Glas das »Sekret« der Kranken in ein Glasrohr, mischte einige Tropfen einer Tinktur bei, hielt die Mischung an das Licht, roch daran, schüttelte den Kopf und reichte die Glasröhre Sir William, hütete sich aber, seine Meinung zu sagen.
Sir William, dessen dicker, stämmiger Körper den ganzen Sessel füllte, roch auch an der Röhre, stellte sie fort, schüttelte auch den Kopf, daß die Perücke wackelte, und verschloß die Lippen mit dem goldenen Knopf seines spanischen Rohres.