»Durchaus nicht!« sagte Sir Josuah und zeigte ihm die Rückseite des Briefes, wo die Adresse deutlich zu lesen war.

Lord Stuart geruhte hinzublicken, las die Aufschrift: »Sir Josuah Crichton«, und sagte dann trocken: »Soviel ich weiß, haben wir meinen Sohn in aller Form mit Ihrer Tochter verlobt?«

»Ich bin derselben Ansicht, Mylord!«

»Sonderbar! Wie kommt er denn dazu, seine Liebesbriefe an Sie zu adressieren?«

Sir Josuah lachte kurz auf. Lord Stuart ignorierte es.

»Etwas weltfremd war mein Sohn ja immer! Das kommt aber von dem Erziehungsplan seiner Mutter, der seligen Lady Stuart, den ich ihr auf ihrem Sterbebette getreulich zu befolgen versprach und auch befolgt habe! Er sollte vor den Verlockungen der Welt möglichst bewahrt werden!«

»Die selige Mylady muß eine seltene Frau gewesen sein!« sagte Sir Josuah. »In unserer Zeit sieht man, besonders unter den Frauensleuten, die Verlockungen der Welt nicht nur als gänzlich ungefährlich, sondern als wünschenswert an. Und, unter uns gesagt, ist's auch so! Ein junger Mann muß sich austoben, soll etwas Rechtes aus ihm werden! Sonst speichern sich die gefangenen Lebenskräfte auf, es kommt im ungeeignetsten Augenblick zur plötzlichen Entladung, und man wird von irgendeinem Geschehnis überrascht, das alle Berechnungen über den Haufen wirft! — — Sausen und brausen, solange die Säfte noch gären! — Das gibt im reifen Alter guten Wein! — Meine Jungens sind mir alle durch die Lappen gegangen! — Weiß der Satan, wenn ich sie wieder einfange! — Aber Gott verdamm mich, wenn ich sie anders haben wollte!«

Lord Stuart rümpfte mehrmals die Nase bei den Ausführungen seines Besuchers und nahm wiederholt einen Anlauf, sie zu unterbrechen. Aber Sir Josuah ließ sich nicht stören. Als er endlich aufhörte, räusperte sich der Lord ein paarmal laut und vernehmlich und sagte dann kurz und scharf:

»Ich würde mir niemals erlauben, an der Lebensphilosophie meiner seligen Gattin noch nachträglich Kritik zu üben! Ich billigte sie auch schon im Leben! — Wenn ich jene Lebensanschauungen trotzdem soeben erwähnte, so tat ich es nur, um Ihnen den Grund für die Lebensfremdheit meines Sohnes zu erklären! Und auch — weil ich, wie ich sagte, mich trotzdem über seine Distraktion wundere, seine Liebesbriefe an Sie, statt an Ihr Fräulein Tochter zu adressieren!«

Sir Josuah lachte wieder kurz.