»Sei doch nicht albern, sei nicht dumm! Benutze die Gelegenheit, die dir der Himmel gibt! Denn da liegt dir das Glück offen! Und du brauchst nur die Hand auszustrecken, brauchst bloß zu wollen — die Gelegenheit ist da! Jetzt oder nie! Einmal im Leben kommt das Glück nur, und da gilt's zuzugreifen! Die Minute, die du unbenutzt vorüberstreichen läßt, ist für ewig verloren! — Ich hab's an mir erfahren! Ich wollte auch tanzen — mein Leben lang wollte ich's, und immer noch tanzt's in mir, wenn ich euch Kinder tanzen sehe! Ich hätte es gekonnt — ich hätte es zu was gebracht! — Habe ich euch nicht tanzen gelehrt, daß alle Leute die Augen aufreißen, wenn sie euch springen sehen? Ich hätte es sicher zu was gebracht. — Aber mein Vater war dumm! Er hat's nicht eingesehen! Ich sollte ehrbar bleiben, hieß es immer! Ich sollte arbeiten lernen — einen braven Mann heiraten, anständig leben — und ich habe ihm gehorcht! — Nun — was habe ich davon gehabt? Einen Mann, der trank, der mich schlug und der viel zu spät gestorben ist — Gott hab' ihn selig! Was habe ich davon? Euch, die ihr mich bis aufs Blut aussaugt, für die ich mich schinden muß, ohne es zu etwas zu bringen! Und dann blüht mir das Siechtum und ein elender Tod! Hätte ich nur nicht auf ihn gehört! Wäre ich lieber davongelaufen! Hätte ich lieber mein eigenes Leben gelebt! Dann ging's mir besser! Euch aber will ich das Leben ersparen, das ich leben mußte! Ihr sollt es gut haben, in Glanz und Reichtum leben — ihr werdet es auch erreichen! Denn ihr seid schön — am schönsten du, Babara — und was ich nur in meinen Träumen haben durfte, das sollt ihr in der Wirklichkeit haben! Denn ich werde nicht so schlecht an euch handeln wie mein Vater an mir — ihr werdet mich nicht verfluchen wie ich ihn — ihr werdet meiner dankbar gedenken und für euren Gehorsam was vom Leben haben! Eine große Künstlerin wirst du werden, wenn du mir gehorchst; in der ganzen Welt wird man dich mit Ehren nennen, mit Auszeichnungen überhäufen! Greif nur zu, und die Welt wird dir zu Füßen liegen!

Komm, ich putze dich — komm, ich mache dich schön — du brauchst gar keine Angst zu haben, daß man dich im Theater scheel ansieht — du kannst dich in jeder Gesellschaft zeigen — komm, mein Püppchen, sollst sehen, deine alte Mutter wird schon für dich sorgen!« Und sie suchte aus ihren Schränken und Truhen allerhand vergessenen Tand aus ihrer Jugend, bunte Perlenschnüre, seidene Tücher, Schürzen, Mantillen, Hauben und einen geblümten seidenen Rock, der ihrer Babara wie angegossen saß!

»Jaha — ich war auch mal schlank — ich war auch mal wie ein Prinzeßchen — schau mal dies Mieder — da bist du noch viel zu üppig dazu — aber es geht schon — wir schnüren ein bißchen — das wird schon gehen!«

Und sie schnitt und nähte und änderte und paßte ab und putzte ihr Töchterchen aufs prächtigste heraus! Und die ließ sich's gefallen und fand sich so allmählich damit ab, mit ihr in die Vorstellung zu gehen.

Wenn die Mutter mitginge, wäre es ja nicht so gefährlich. Da würde er sie wohl nicht zu verhöhnen wagen! Und wenn auch — schließlich war die Sache das wohl wert! Schließlich konnte man das hinnehmen, wenn man bloß einmal ins Theater könnte und ein richtiges Ballett zu sehen bekäme!

Am Abend saßen sie dann auch im Theater in einer der ersten Reihen des Parterre, wo man schon angefangen hatte, Sessel einzustellen, die Domina stolz und sicher, als wäre sie in ihrem Leben nichts andres gewohnt gewesen, als ihre Abende dort zu verbringen, und Babara aufgeregt und neugierig in diese ihr so neue und bunte Welt hineinblickend, die bald ihre Welt sein würde.

Es war ihr wie ein Traum. Das schwatzende, lachende Publikum in schönen Kleidern, reich geschmückt, die bunte Masse, die sich schreiend und johlend im Parterre hin und her schob und drängte, die Musik — das Mitsingen des Publikums, die fröhlich ausgelassene Stimmung, die Blumen, die festliche Beleuchtung, das Drängen, der Kampf um die besten Plätze, und schließlich die Aufführung, die viel zu schnell vorbei war. Sie fühlte sich bedrückt inmitten all der Pracht! Das bunte Treiben verwirrte sie — dann ging der Vorhang auf — und zum erstenmal empfand sie die Macht, die hat, wer auf der Bühne steht — die Herrschsucht packte sie — schlich sich in ihre Seele und nahm sie in ihre Gewalt. Jetzt konnte sie nicht mehr zurück — jetzt mußte sie hin, ob sie durfte oder nicht.

»Denk, Baberina — wenn du da oben stehst — und all die Tausende nach dir blicken!« flüsterte die Mama. »Das wäre doch ein Glück!«

Babara hörte nicht; mit weit offenen Augen starrte sie nur hinauf. Fossano gab die Hauptrolle in der Pantomime: »Pierrots letztes Abenteuer«, eine burleske Szene voll derb grotesker Situationen, die wahre Lachsalven im Publikum entfesselten. Dann tanzte er einen Bauerntanz mit dem ganzen Corps de Ballett, und zum Schluß »Das Urteil des Paris«, eine wahre Orgie in sinnbetörenden Farben und Formen, eine bis an die äußerste Grenze des Gewagten gehende und doch das künstlerische Maß innehaltende Phantasie voll glutvoller Leidenschaft, deren einzelnen Phasen das Publikum in atemloser Stille folgte, um dann, als der Vorhang fiel, in rasende Beifallskundgebungen auszubrechen, die nimmer enden wollten.

Immer wieder mußte Fossano mit seinen Partnerinnen vor dem Vorhang erscheinen, von den Evvivarufen umtost. Er wurde mit Blumen, Kränzen und Goldstücken beworfen, und man ruhte nicht, ehe er nicht als Zugabe seinen berühmten »pas du diable« zum besten gegeben hatte.