»Exzellenz wollen sich bei uns nach dem Stand der auswärtigen Angelegenheiten erkundigen? Das ist recht! Das ist brav! Als Staatsminister müssen Exzellenz doch auch Bescheid wissen! Wir können also wieder mit der alten Neuigkeit aufwarten, daß wir schlecht — sehr schlecht — bedient sind! Unsere Diplomaten taugen alle nichts! Sie sind, wie immer, nur unsere Briefträger! Wir selbst müssen jeden Schritt der Herren dirigieren — müssen an alles denken! Da schwätzt uns unser Botschafter in Paris eine Tänzerin auf! Den Vertrag hat er wirklich zustande gebracht! Das ist aber auch alles! Der gute Chambrier wird senil! Wir werden ihn rappellieren müssen! Wir lassen jene Tänzerin zur Dienstleistung hierher befehlen! Und was tut sie? — Sie weigert sich! — Es konveniert ihr, in Venedig ihren Amouren nachzulaufen! Und in Venedig kennt man den König von Preußen nicht! Man kennt nicht einmal Podewils — unseren unvergleichlichen Podewils! Seiner höflichen Bitte, die leichtfüßige Schöne festzunehmen, setzt man ein unverblümtes >Nein< entgegen! — Wir müssen uns echauffieren! Wir nehmen unseren Podewils vor! Wir waschen ihm den Kopf! Wir fragen ihn: >Podewils, wozu haben wir unsere Verbündeten?! Wozu haben wir Spanien, wozu haben wir Frankreich?!< — Und Podewils, der exzeptionell gescheite Podewils, setzt Spanien, er setzt Frankreich in Bewegung! Die Botschafter der Großmächte werden in der hochwichtigen Sache vorstellig! Und Venedig sagt >nein<! — Wir lassen — immer noch durch Podewils — unseren Ambassadeur in Wien ersuchen, sein diplomatisches Genie zu unserem Faveur in dieser fatalen Sache zu betätigen! Wir denken: Dohna, der es so gut verstand, Maria Theresia warm zu halten, wird uns auch jenes obstinate Frauenzimmer zur Räson zu bringen wissen! Er wird sich noch lange nicht pensionieren lassen wollen! Und Dohna, galant wie immer, unterliegt dem einen Unterrock wie dem anderen! Dohna schreibt uns — — aber lese Er selbst den Wisch!«
Er warf ihm den Brief zu. Podewils las ihn und legte ihn dann achselzuckend auf den Tisch.
Friedrich blies inzwischen ein paar Passagen auf der Flöte. — Biche sekundierte, prompt wie ein alter routinierter Kapellmusiker einsetzend. Ärgerlich warf Friedrich die Flöte hin und blieb vor Podewils stehen, der sein Entzücken ob des Doppelkonzerts kaum verbeißen konnte.
»Wir sind nicht gesonnen, uns von einem Frauenzimmer auf der Nase herumtanzen zu lassen — sei's die Königin von Ungarn — sei's die regierende Mätresse von Frankreich — sei's eine verlaufene Tänzerin! Er soll dem Senat von Venedig beibringen, dem Könige von Preußen gefällig zu sein! Jene Tänzerin soll hier in unserer Oper vertragsmäßig ihre Pirouetten exequieren! Das ist unser Wille! Und können meine Herren Ambassadeurs nicht einmal das durchsetzen, so sollen sie alle miteinander in Spandau über die Künste der Diplomatie nachsinnen! Schreibe Er das sofort an Dohna!«
»Zu Befehl!« sagte Podewils und steckte den Brief Dohnas in sein Portefeuille, dem er noch einige Dokumente entnahm, um sie dem König zur Unterschrift vorzulegen.
Friedrich flog rasch den Inhalt der Schriftstücke durch, nahm den Gänsekiel und kratzte mit seiner feinen Handschrift einige Randbemerkungen hinein, unterschrieb und blickte wieder seinen Staatsminister an.
»Daß Er sich aber nicht noch einen Korb holt! Weder vom Senat von Venedig, noch von jener Tänzerin!«
»Majestät geruhen gnädigst zu entschuldigen, aber das Ballett ist für mich eine terra incognita! Da wäre wohl eher der Zeremonienmeister, Baron von Pöllnitz, zuständig?!«
»Pöllnitz ist ein mauvais sujet, ein Plappermaul! Immerhin hat er mehr Esprit als mancher Staatsminister!«