Ihr Triumph wurde auch vollständig.

Sie siegte — weil sie gar nicht daran dachte, überhaupt zu siegen — sie verstand noch nichts von »Wirkung«, war sich nicht bewußt, daß sie die vielen Zuschauer in ihren Bann zu bringen hatte — sie dachte nur an ihre Aufgabe, gab sich ganz dem hin, was sie darzustellen hatte; sie erlebte es und vergaß darüber alles andere.

Freilich — im ersten Augenblick, als sie auf der Bühne stand und durch den Vorhang das Stimmengewirr der draußen Harrenden hörte, da kam etwas wie Angst über sie.

Sie blickte hinaus, sah die vielen tausend fröhlichen Menschen, die lachten und plauderten und ihre Toiletten, ihren Schmuck zur Schau trugen. Sie entsetzte sich beim Gedanken, daß all diese Augen sich auf sie richten — all diese Lippen das Urteil über sie sprechen würden! Sie zitterte — das Herz klopfte hörbar — ein Schwindel befiel sie — sie vergaß alles außer der Angst — sie wußte nichts mehr von alledem, was sie darzustellen hatte — sie konnte sich kaum noch aufrecht halten!

Ganz vernichtet schlich sie in die Kulisse hinein, und da brach sie zusammen.

»Heilige Mutter Gottes, hilf mir«, flüsterte sie inbrünstig und schloß die Augen. Und da war sie wieder in der Kathedrale, deren hohe Gewölbe sich über sie erhoben! Und hoch über ihrem Haupte schwebte wie ein Kranz von Sommerblüten in den Wolken die Mutter Gottes, von seligen Geistern umgeben, der Verklärung entgegen, und allen voran Psyche! Sie vergaß alles andere, vergaß, wo sie war — die Erregung legte sich, kühle Besonnenheit, Sicherheit und Kraft kehrten in ihre Seele zurück.

»Ich danke dir — ich danke dir«, flüsterte sie und stand erquickt wieder auf. Und als Fossano, der sie voll Unruhe gesucht hatte, sie endlich fand und ihr Mut zusprach, da war's längst nicht mehr nötig!

Sie ließ sich von ihm zu ihrem Platz hinführen. Und als der Vorhang aufging und das Spiel begann, da dachte sie nicht mehr daran, daß sie sich den vielen Neugierigen zeigen mußte, sondern ging ganz in der Wonne auf, sich geben zu dürfen.

Gleich in der ersten Szene der Psyche nahm sie die Huldigung an Stelle der Schönheitsgöttin Venus mit einer Demut und einer holden Beschämung an, aus der sich die Hauptstimmung der nächsten Szene folgerichtig ergab. So kam die Empfindung ihrer Unwürdigkeit und ihrer Strafbarkeit, weil sie sich hatte göttliche Ehren erweisen lassen, natürlich zum Ausdruck, ebenso der Schrecken bei der Verkündung ihrer Strafe durch Merkur sowie ihre Zerknirschung und die Ergebenheit in ihr Schicksal, als sie unter Trauertänzen beim Fackelschein nach dem Felsen hingeleitet wurde, wo sie dem ihr zum Gatten ausersehenen Ungeheuer ob ihres Frevels geopfert werden sollte. Und als die Fackeln eine nach der andern zu ihren Füßen gelöscht wurden und Eltern und Geschwister als letzte sie weinend verließen, da waren ihr Schmerz und ihre Verzweiflung ebenso echt wie die dann allmählich wiedergewonnene Fassung, die Ergebung in das Unabwendbare. Wie sie dann in banger Erwartung die Augen schließt und sich unbeweglich, ohne sich mit einer Zuckung des Gesichts oder der Glieder zu wehren, von der unsichtbaren Gewalt des Zephirs packen läßt, um im sanften Fluge vom Felsen nach dem blumenbedeckten Rasen an dessen Fuße hinabzuschweben — eine staunenswerte maschinelle Leistung des damaligen Theaters —, da wurde es draußen unter den Zuschauern so still, daß man das eigene Herz schlagen hören konnte. Und alle Augen blickten gerührt zu dem zarten, kindlichen Wesen, das da, wie ein Schmetterling vor dem Winde, von einem unerbittlichen Schicksal dahingeweht wurde, um unten regungslos liegenzubleiben.