Aber die qualvolle Spannung bei den vielen tausend Zuschauern löste sich in ein Gemurmel des Entzückens auf bei der unmittelbar darauf einsetzenden Szene ihres Wiedererwachens zu neuem Leben!

Sanfte Musik trifft die Schlummernde. Sie öffnet die Augen, erhebt sich halb — lauscht den lieblichen Liedern unsichtbarer Geister — erhebt sich — sucht die Sänger bald hier, bald dort zu entdecken — immer mehr wird ihr Körper von den Rhythmen der aufjauchzenden Musik bewegt, wirbelt schneller und schneller dahin, daß das leichte Kleid in tausend Wellenlinien den Körper umspielt und dessen Formen heraushebt — die Hände flehend emporgestreckt, die Blicke bittend, die Lippen halb offen, sehnsüchtige Seufzer aushauchend. Aber die unsichtbaren Sänger bleiben unerbittlich und zeigen sich nicht, senden nur einen Regen von Rosen auf sie herab, die sich zu ganzen Gewinden verdichten und allmählich die Bühne mit ihrem bunten Netzwerk verhüllen.

Dann erhebt sich der Blumenschleier unter langsam wallenden Wogen der Musik, und um sie herum ist alles verwandelt. Ein Palast hat sich aufgetan — die Wohnstätte Amors. — Alles glitzert und glänzt von edlem Metall und buntem Gestein — staunend steht sie da, ohne zu wagen, sich zu rühren, und blickt alles scheu an. Dann, von Neugier überwältigt, betastet sie alles in kindlicher Freude. Sehnsüchtig blickt sie sich nach Gespielinnen um, aber vergebens! Alles Erdenkliche, was ihr zur Erquickung oder zur Bequemlichkeit dienen kann, ist, kaum gewünscht, sofort zur Stelle! — Der Becher mit Wein, den Durst zu löschen — der reich besetzte Tisch, um den Hunger zu stillen! Und als sie, vor Erschöpfung müde, umsinkt, empfängt sie ein prachtvolles Lager, auf dem sie sanft einschlummert. Da kommt im Traum Gott Amor — in rosenrotem Dämmerlicht schwebt er einher. Sie sieht ihn nicht, fühlt aber seine Nähe. Eine leichte Unruhe bemächtigt sich ihrer. Ohne die Augen aufzutun, wirft sie sich unruhig hin und her, die Lippen flüstern leise, sie streckt die Arme sehnsüchtig aus. Da schleicht er an ihr Lager, schmiegt sich an sie — sie erwacht — der Traum ist aus — der Geliebte verschwunden. Sie setzt sich auf, blickt sich nach ihm um — selig glaubt sie seine Stimme zu hören — schmerzvoll seufzend horcht sie auf seinen Befehl, legt die Hände auf die Augen, wie um ihnen das Sehen zu verbieten, drückt sie gegen den Mund, um ihm das Fragen zu untersagen — alles mit einer Natürlichkeit der Empfindung und einer Intensität im Ausdruck, die keinen Zweifel über den Vorgang aufkommen lassen.

Dann sinkt sie wieder um — ein Traum erschreckt sie. — Die Schwestern — neidisch auf ihr Glück, erscheinen, um sie zu verhöhnen, zeigen ihr — im Traum — das Ungeheuer, dem sie angeblich vermählt wurde, reden ihr vor, es wäre der Gebieter des Hauses und wage wegen seiner grausigen Gestalt nicht, sich ihr zu zeigen! Sie belehren sie, wie sie es töten soll, wenn es das nächste Mal im Dunkel der Nacht ihr zur Seite ruht, und schleichen davon — ihr heimlich den Dolch und die Lampe lassend.

Sie erwacht voll Entsetzen, flieht von ihrem Lager, wankt, von Angst und Grausen gepackt, durch die jetzt dunkle Halle — findet die verhüllte Lampe und den Dolch und schleicht dann, mit ihrer immer mehr zunehmenden Angst kämpfend — die Lampe hoch in der ausgestreckten Hand haltend, das Gesicht abgewandt, den Dolch an den keuchenden Busen gedrückt — zurück zum Lager, wo Amor wieder schlummernd liegt, schaudernd zögert sie und bricht halb zusammen! Und dann der schnelle Entschluß — der sich aufbäumende Trotz — der jähe Wille zur befreienden Tat — das Aufraffen der letzten Kraft — das zaghafte Hinblicken — die Überraschung — das Staunen beim Anblick des schlafenden Gottes — das Fallenlassen des Dolches — die Zerknirschung, die Gewissensbisse — die wuterfüllte Drohung gegen die unsichtbaren Traumschwestern, deren Hohnlachen sie um sich zu hören glaubt! Dann das schrankenlose Aufgehen in diesem ungeahnten Glück — die Bewunderung, die Anbetung — das zaghafte Nahen — das Erhaschen und Fallenlassen seiner herabhängenden Hand — die Betastung seiner Flügel — das Auffinden seiner Waffen, das Spiel damit, die Verwundung an seinen Pfeilen und dann das sofort einsetzende Auflodern der Leidenschaft, die sie alles vergessen macht — das Hinsinken auf die Knie neben dem Schlafenden — das Aufgehen in einem namenlosen Glücksgefühl — und schließlich das Besitzergreifen des Glückes — das Zusammenbrechen über dem Geliebten und der Kuß, der ihn halb erweckt. Dann das Aufschrecken ob ihrer Dreistigkeit — die Flucht, die Wiederkehr, das unwiderstehliche Hingezogenwerden — das leichte Hinschleichen auf den Fußspitzen, um sich wieder an seinem Anblick zu weiden — das Zittern der Hand, die die Lampe hält, und dann die Katastrophe — der Tropfen brennenden Öls, der ihm auf die Schulter fällt und ihn jäh erweckt — das Zusammenbrechen unter seinem Zorn — ihr vergebliches Flehen, ihr Schluchzen, ihr Haschen nach seiner Hand, seiner Kleidung — ihr Versuch, ihn gewaltsam zurückzuhalten, und dann die Verzweiflung, als sie sich verlassen sieht und ohnmächtig zusammenbricht — das waren alles Momente der höchsten Kunst, die Babara mühelos geben konnte, weil sie's im Moment des Gebens sah und erlebte. Sie weilte in einer anderen Welt, hoch über allem Irdischen, und als der Vorhang fiel und der tosende Beifall der aufs höchste aufgeregten Menge draußen einsetzte, da erwachte sie mit einem heftigen Schrecken aus ihrem Traum. Sie war wieder auf der Erde, aus allen Himmeln gefallen; und mehr tot als lebendig ließ sie sich von Fossano an die Rampe schleppen, um die begeisterte Huldigung des Publikums anzunehmen.

»Nie mehr werde ich's können — nie mehr werde ich so voll darin aufgehen und alles vergessen«, jammerte sie, als der Vorhang zum letztenmal fiel und Fossano sie umarmte und beglückwünschte.

»Du kannst«, erwiderte er, »wenn du nur mir folgst! An meiner Hand, unter meiner Führung wirst du das und noch viel mehr lernen! Aber — du mußt dich führen lassen — du mußt mir unbedingt gehorchen. Willst du?«

»Ja«, antwortete sie ohne Bedenken, aber auch ohne ihn zu verstehen.

Er war sich auch nicht ganz klar über die Tragweite seiner Worte, aber er folgte seinem Instinkt. Aus der Kulisse hatte er ihr Spiel verfolgt, sie innerlich Szene für Szene vorwärts getrieben; mit seiner ganzen Geisteskraft war er dabei gewesen, hatte alles miterlebt, jede ihrer Empfindungen voraus empfunden und sie so gestützt. Und jetzt, als es aus war, war er ebenso erschöpft wie sie. Und so sehr er sich auch über den Sieg freute — er empfand nur, wie sie, Angst, daß das alles verloren gehen könnte, daß es nie wiederkehren würde; aber auch, daß es seine Aufgabe sein würde, dafür zu sorgen, daß nicht dies echte schlackenfreie Talent, dem kein Mißerfolg je etwas anhaben könnte, durch den Triumph hochmütig gemacht und so zugrunde gerichtet werde.

»Demütigen, demütigen!« war sein erster Gedanke. Und so fing er, noch ehe sie die Bühne verlassen hatte, an, sie zu kritisieren und sagte ihr alle Fehler, die sein scharfes Auge, trotz seines Entzückens, gesehen hatte. Ernst und sachlich setzte er ihr auseinander, wie weit sie von der Vollendung entfernt sei — wieviel sie noch zu lernen hätte — wie wenig die Leute im Zuschauerraum begriffen, und wie wertlos ihre Beifallsäußerungen seien! So nahm er ihr sorgsam jedes eigene Verdienst, schon ehe sie sich ihres Sieges bewußt worden war und sich daran berauschen konnte. Er hatte sie wieder unterjocht — er hatte sie in der Gewalt und gewann damit auch seine eigene Sicherheit wieder.