»Wir suchen den Klang und das rhythmische Gleichgewicht! Eine Fanfare und ein Programm! Davon verstehen aber die Herren Lateiner nichts! Ob die Devise richtig ist oder nicht, hingehauen wird sie! Es soll mich freuen, wenn sie den gelahrten Herren recht weh in den Ohren tut! Und wäre meine Devise noch so schlecht — ich wette, sie wird sich länger behaupten als das meiste von dem Geschreibsel, was die in dem Hause aufhäufen werden. Mehr gelesen wird sie auch werden! Nutrimentum spiritus — das ist eben mein Latein!«
Sie waren inzwischen nach dem Weinberg hinausgekommen, blieben auf der Anhöhe stehen und blickten über die Stadt hin, die sich hinter den Bäumen verkroch und aus allen Schloten Rauchsäulen kerzengerade in die klare Winterluft hinaufsandte.
»Hier oben ist der Platz! Wie ich's dir aufgezeichnet habe, so wird's gebaut! Einstöckig; und wenn dich die Gicht dabei noch so sehr plagen sollte! Wir wollen keine babylonischen Türme! Wir mögen das Treppensteigen nicht! Aber in die Sonne wollen wir sehen! Ein Haus mit allen Gemächern nach Süden gelegen — das ist doch kein Problem für einen Baumeister wie dich! Und willst du partout Palastwirkung — meinetwegen holz nur den Hügel ab, gliedere ihn in Terrassen, so viele, wie da Platz haben, mit Gewächshäusern und Tausenden von Glasfenstern, die in der Sonne glitzern! So bleibt's, wie ich's will — und wirkt doch, wie du willst, und wir sind alle beide zufrieden! Da oben, auf der obersten Terrasse, baust du mir aber neben meinem Tuskulum mein Grabgewölbe gleich hin, damit ich weiß, wo ich Ruhe vor den Sorgen der Welt haben werde, wenn ich sie nicht in meinem Hause finden sollte! Immerhin haue mir die Worte >Sans-Souci< auf dem Hause ein, damit die Leute meinen Willen wissen! Schaden wird's nichts!«
Langsam gingen sie den Weg nach dem Stadtschloß zurück, Knobelsdorff versöhnt und der König weniger nervös als vorhin.
Die Uhr ging auf zwölf, und für zwölf war das Diner angesagt.
Der Speisesaal war ein großer, freundlicher Raum zwischen dem Marmorsaal und dem Teezimmer und hatte Fenster nach dem Schloßhof wie auch nach dem gegenüberliegenden Lustgarten.
Der runde Tisch inmitten des Saales war für fünf gedeckt. An einem der Fenster nach dem Schloßhof erwartete der Tafeldecker die Rückkehr des Königs. Im Teezimmer plauderten schon die eingeladenen Gäste: der Generaladjutant Winterfeldt, der Zeremonienmeister Baron von Pöllnitz und der neuernannte Präsident der Akademie, Maupertuis, ein prätentiös aussehender, etwas auffallend gekleideter Herr voll herablassender Würde. Schließlich meldete man ihnen die Ankunft des Königs, der, von Knobelsdorff begleitet, über die große Treppe hereintrat und sich direkt in den Speisesaal begab, ohne sich erst umzukleiden. Der einfache blaue Uniformrock mit den roten Aufschlägen und die hohen Stiefel kontrastierten seltsam gegen die prächtigen Hoftrachten der anderen Herren.
Friedrich nahm sofort Platz, lud mit einer Handbewegung die Gäste ein, seinem Beispiel zu folgen, und fing gleich an, den Baron von Pöllnitz über die Tagesneuigkeiten auszufragen. Insbesondere interessierten ihn die neu angekommenen Fremden, und da wußte Pöllnitz, der über eine schier unerschöpfliche Personalkenntnis verfügte, stets gut Bescheid.
Berlin hatte allerdings schon hunderttausend Einwohner, aber trotzdem gelang es keinem illustren Reisenden, lange unbemerkt zu bleiben. Der Kurier, der die täglichen Briefschaften des Königs nach Potsdam brachte, hatte auch einiges von Interesse mitzuteilen gehabt, was Pöllnitz selbstverständlich gleichfalls längst wußte. Er konnte also aufwarten.
Friedrich ließ ihn, gegen seine Gewohnheit, berichten, ohne ihn zu unterbrechen, aß dabei mit gutem Appetit von seinem Leibgericht, einer stark gewürzten Polenta, und lauschte aufmerksam.