»Später, lieber Pöllnitz! Sobald die Sache spruchreif ist, werden Sie der erste sein, der sie weitererzählen darf! Wer weiß — vielleicht schon beim heutigen Konzert! Sie machen mir doch das Vergnügen?«

Pöllnitz bedankte sich überglücklich, denn seine Neugier war größer als sein Abscheu gegen Musik. Das Diner nahm seinen Fortgang. Friedrich war in der heitersten Stimmung, er machte seinem Küchenchef nicht die geringste Änderung in dem ihm vorgelegten Küchenzettel für den nächsten Tag und hob die Tafel erst gegen drei Uhr auf, um sich in sein Schlafzimmer zurückzuziehen und einer kurzen Mittagsruhe zu pflegen.

Nach einer halben Stunde erhob er sich, setzte sich an den kleinen Schreibtisch am Fenster und las laut und bedächtig die frisch geschriebenen Blätter eines französischen Manuskripts von seiner Hand durch. Es waren die »Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg« (»Mémoires pour servir à l'histoire de la maison de Brandenbourg«). Er war eben im Begriff, die Geschichte seines Vaters abzuschließen, und mußte noch einiges über dessen häusliches Leben hinzufügen. Das wurde ihm schwer.

Tagelang stockte die Arbeit bei diesem Punkt. Er fühlte sich nicht unbefangen genug. Wenn er sich wieder in die Vergangenheit vertiefte und die ganzen Leiden seiner Kronprinzenzeit durchlebte, geriet er in eine Aufregung, die ihm den Blick zu trüben drohte. Das ganze gewaltsame Zurückdrängen seiner Neigungen — seine Verzweiflung — sein vereitelter Fluchtversuch, die Leiden im Gefängnis, die Hinrichtung seines Freundes Katte — alles stand ihm wieder lebendig vor Augen, und nicht minder die lange Zeit der allmählichen Aussöhnung mit dem Vater, das schrittweise Eingehen auf dessen Intentionen und das Verheimlichen der eigenen — wobei es bei aller guten Absicht nicht ohne einige Unaufrichtigkeit gegangen war!

Das alles gehörte mit ins Bild! Vergebens rang er seit Tagen mit sich selbst, um sich darüber zu erheben und die unumgängliche Objektivität zu erlangen!

Heute wollte er die Sache zu Ende bringen. Er war nicht der Mann des geduldigen Harrens und Sinnens! Er war der Mann der Tat!

»Wir dürfen der neidischen Mitwelt nicht den Schlüssel unserer Seele ausliefern! Wir leben nicht nur für uns, sondern für das Land! Da dürfen wir nur Taten zeigen, die die Zukunft schaffen — nicht Reflexionen über die Vergangenheit liefern, die's dem Feinde erleichtern, unser Lebensrätsel zu deuten und unsere Taten zu hintertreiben!« Er tauchte den Gänsekiel ein und setzte ihn zum Schreiben an. Legte ihn aber plötzlich aus der Hand und ging ein paarmal durchs Zimmer, setzte sich dann entschlossen hin und schrieb kurz und gut:

»Wir haben die häuslichen Verdrießlichkeiten dieses großen Fürsten mit Stillschweigen übergangen. Man muß in Anbetracht der großen Tugenden eines solchen Vaters für die Fehler der Kinder einige Nachsicht haben!« Das war alles!

Die Erinnerung seiner Leiden war verblaßt und in nichts zerflossen neben dem Bewußtsein, machtvoll in das Leben seiner Zeit eingreifen zu können, und neben der Dankbarkeit gegen den Vater, dessen große Tüchtigkeit ihm das ermöglicht hatte. Dieses Mannes Sparsamkeit, sein Ordnungssinn, sein unermüdlicher Fleiß und sein organisatorisches Genie hatten das Preußen geschaffen, das Friedrich zum Sieg führen durfte! Ein wohlgefüllter Staatsschatz, ein streng geordnetes Staatsgebilde, eine schlagfertige Armee — alle Vorbedingungen zur großen Tat hatte Friedrich von ihm empfangen. Der fruchtbare Nährboden künftiger Größe und gloriosen Ruhms war da, wohlgeackert und in gutem Stand! Das wog alles andere auf!

Schon hatte er Schlesien erobert, die Karte Europas umgestaltet — er hatte Österreich niedergerungen, das Ansehen seines Hauses gehoben — er hatte schon Geschichte gemacht!