»Nun aufgepaßt, wie ich das machen werde!« rief sie. »Ich tanze mit meinem Geliebten ein zärtliches pas de deux und denke dabei an dich — tanze von rechts oben nach links unten, wo die kleine Loge des Königs ist. Du kannst dir denken, wie erfüllt ich dabei von dir sein werde — und auch, wie deutlich ich es zur Schau tragen will! Wenn er die geringste Ahnung von Tanz hat, wird er's verstehen! Dann aber, wenn mein Partner — in meinen Augen du — vorn an der Rampe mir zu Füßen liegt und ich ihn auf die Stirn küsse, schleicht sich aus der vorderen Kulisse ein Kobold hervor, wirft mir unvermerkt eine Rosenkette um den Leib, und wie wir dann beglückt davontanzen, läßt er die Kette, die ich immer noch nicht merke, ablaufen, bis wir, du und ich, miteinander hinaustanzen wollen. Dann zieht er sie wieder ein, langsam und unwiderstehlich. Mit immer größerem Widerstreben folge ich, kämpfe dagegen, anfangs vergeblich, bis er mich ganz eingefangen hat. Dann, beim Anblick seines häßlichen Gesichts, bäumt sich alles in mir auf, die Wut gibt mir Kraft, ich zerreiße die Fessel und schleudere sie ihm ins Gesicht! — Sei sicher, ich schleudere sie in die Loge des Königs — und fliehe dann! Er natürlich hinterher und versucht, mich mit Gewalt zurückzuhalten! — — Aber so mach's doch! — Schnell, ich will's mit dir probieren! — Du umfassest mich also — ich mache mich frei — — du packst mich wieder — — aber nicht so tolpatschig! Dreist zugreifen, Mylord! — So war's gut! — — Ich entwinde mich der Umklammerung — er verfolgt mich über die ganze Bühne — dann mache ich kehrt und treibe ihn mit einer ganzen Kette von Luftsprüngen zurück — so!«

Und mit einer Serie der wütendsten Entrechats trieb sie ihren Geliebten vor sich her und verfehlte nicht, ihm dabei immer wieder mit viel Grazie die Fußspitze auf die Nase zu applizieren. Er versuchte vergebens, den Fuß zu erhaschen und zu küssen.

»So ist's gut!« rief sie, im Tanzen lachend. »Wenn Lany das mimisch ebenso ausdrucksvoll macht wie du, wird sich das Theater vor Lachen wälzen!«

Und sie versuchte, ihm einen letzten Tritt zu versetzen, den aber die Mama, hinter die er sich rasch flüchtete, zu ihrer großen Entrüstung, auf höchst ihrer eigenen Nase zu fühlen bekam.

»Nichts für ungut, Mama!« rief Babara immer übermütiger. »Das war für den König von Preußen bestimmt, dessen Majestät zu vertreten du jetzt die Ehre hattest! — Bis in seine Loge hinein treibe ich den Lany! Und so, daß der König schon merkt, für wen die Fußtritte bestimmt sind! — Dann wirbele ich zurück über die Bühne und verschwinde da, wo ich gekommen bin, eile aus dem Theater hinaus und in den Wagen, den du mir bereit halten wirst, Beß! Und das Weitere wird sich finden!«

»Das denke ich auch«, sagte die Mama mit Ruhe. »Denn ebenso, wie Mylord tatsächlich die für den König bestimmten Fußtritte bekam — ebenso sicher wird er sie für sich allein behalten! Der König ist nicht der Mann, dem man auf der Nase herumtanzt! Das, glaube ich, hätte er uns wohl ausdrücklich genug bewiesen! — Für den Wagen aber nach der Vorstellung sorge ich! Mylord brauchen sich da nicht zu bemühen!«

Zu ihrem Erstaunen entgegnete die sonst widerspenstige Tochter nichts. Sie war betroffen von der Deutung, die die Mutter ihrem Tanz gegeben hatte! Ebenso ging es ihrem Geliebten, der, wie alle Engländer, etwas abergläubisch war. Als eine böse Vorahnung stieg gleichzeitig dasselbe Gefühl in ihren Herzen auf. Müde und verdrossen warf Babara sich aufs Kanapee.

Ihre Mutter hatte die Wahrheit gesagt! — Das Band, das sie an Berlin fesselte, ließ sich nicht durch einen bloßen Scherz zerreißen! — Anfangs leicht wie Spinnwebsfaden, als sie sich's in Paris anlegen ließ, hatte es sich als unzerreißbar erwiesen und war zur eisernen Kette geworden, die sie in jeder Beziehung unfrei machte! Und weswegen?!

Sie blickte schnell zu Beß hinüber!

Seinetwegen hatte sie das alles durchmachen müssen! — Gewiß, sie liebte ihn — er war ihr mehr wert als die meisten! Aber doch trat die Sättigung mit dem erlangten Besitz ein! — Es fing schon an langweilig zu werden! — —