Friedrich sprach noch bei der Königinmutter vor — besichtigte den Dombau, von Knobelsdorff begleitet, befahl ihm, am nächsten Tage die Pläne seines Sommerschlosses in Potsdam vorzulegen, und reiste nach seiner Havelresidenz ab.
Am Abend soupierte bei Barberina der Graf Rothenburg, ein eleganter, liebenswürdiger und geistreicher Kavalier, der soeben aus Paris zurückgekehrt war, wohin ihn eine wichtige politische Sondermission Friedrichs geführt hatte.
Er wußte ihr viel vom Hofe in Versailles zu erzählen — von der alles beherrschenden Stellung der derzeitigen Favoritin Ludwigs, der Herzogin von Châteauroux, deren Ehrgeiz und Stolz die Politik Frankreichs immer mächtiger auf die Bahn der kriegerischen Ehre zu treiben bemüht war und aus Ludwig gar einen Helden machen wollte.
Er wußte nicht genug des Lobes über ihre große Liebe zur Kunst vorzubringen und das unermüdliche Mäzenatentum, das sie den Dichtern gegenüber betätigte.
»Sie könnte für Frankreich eine große Zeit herbeiführen, denn in ihr wohnt der Geist der Größe! Aber sie reibt sich auf. Die Glut ihrer Seele verzehrt sie innerlich! Wie ein leuchtender Meteor, der plötzlich auftaucht, blendet, imponiert und alles in Staunen versetzt, um ebenso plötzlich zu verschwinden, so kommt sie mir vor! Immerhin — sie herrscht jetzt! Und sie hat das größte Verständnis für unsere Ziele! Es war leicht, mit ihr Politik zu machen! Wenn Frankreich jetzt mit uns ist — ihr ist es zu verdanken!«
Barberina dachte mit einiger Bitterkeit an die Rolle, die sie hier spielte, und wurde einen Augenblick ernst.
Rothenburg wußte von der Begebenheit bei der heutigen Spazierfahrt und beeilte sich, die Sache zu überzuckern.
»Allerdings — hier könnte sie niemals zur Geltung kommen! Hier trägt das Genie selbst die Krone! Jeder Versuch einer Beeinflussung müßte an dem stolzen Selbstbewußtsein scheitern, das wir bewundern und dessen Ehrgeiz wir schon so viel Ruhm verdanken! Um bei Friedrich etwas zu sein, muß man eine große Künstlerin wie Sie sein! Das Epikureertum des Geistes will die Anregung der Schönheit, der Grazie, des Esprits! Ihm die geben zu dürfen, ist mehr, als der ganzen übrigen Welt Gesetze zu diktieren! Das zu können ist beneidenswerter als Reichtum und Macht! Das ist Ihnen geworden! Und jetzt, nachdem Sie diese große Aufgabe verstehen lernten, jetzt werden Sie schon zufrieden sein, daß man Sie, wenn auch mit sanftem Zwang, dazu brachte!«
Barberina lachte laut auf. Das nannte er noch »sanft«: von den Häschern Venedigs wie eine Verbrecherin aufgehoben und eingekerkert zu werden, um dann unter wochenlangen Mühseligkeiten und militärischer Bewachung hierher geschleppt zu werden!