»Sie sind ein Heuchler!« rief sie.

»Und Sie entzückend!« replizierte er und küßte ihr die Fingerspitzen. »Viel zu entzückend — viel zu charmant, um in der Langeweile einer englischen Ehe zu verkommen! Geben Sie's nur zu — das Ganze war nur eine Marotte — eine augenblickliche Laune!«

»Sie kennen eben Lord Stuart nicht!«

»Ich kenne Sie, und das genügt! Ich glaube schon, daß es sich im Falle Stuart um eine echte, tiefe Empfindung handelte, wie sie einem Menschen nur in den seltensten Fällen zuteil wird. Und ich glaube auch, Sie waren so sehr davon ergriffen, daß Sie meinten, jener Empfindung alles andere opfern zu müssen, um nur ihr zu leben! Die Flamme der Liebe loderte so heftig und so klar auf, daß im ersten Augenblick alles daneben verblaßte! Wie alles andere aber, ist auch sie nur zu vergänglich! Der Funke ewigen Lebens, der Ihnen mit dem Genie gegeben wurde, kann aber nie erlöschen! Der glüht noch unvermindert, wenn alles andere zu Asche wurde! Die Sucht, zu glänzen und zu leuchten, wird zum Ehrgeiz, etwas zu leisten und in der Leistung den eigenen Geist zu verfeinern und groß und geschmeidig zu machen! Geben Sie's nur zu — Sie sind nicht unzufrieden, daß sie wieder auf die Bahn der Kunst getrieben worden sind — sei's auch mit Gewalt! Vor den großen Aufgaben, die Ihnen hier wurden, verblaßt doch die kleine Unannehmlichkeit, die sie mit sich brachten?«

Barberina antwortete nicht. Sie empfand die Wahrheit dessen, was er sagte. Ihr Gefühl trieb sie zu ihrem Beß — ihr Herz schlug noch für ihn. — Aber die Kunst hielt sie stärker gefangen. Sie sah die glanzvolle Laufbahn, die sie dachte für immer verlassen zu haben, offen und jetzt weit leuchtender vor sich liegen. Sie dachte dabei an den Vormittag im Hause Stuart und die trübe Aussicht, nach langer Vergessenheit dort als eine Nummer mehr in der Sammlung der Ahnengalerie hängen zu dürfen. Ein leichter Schauder ergriff sie.

Rothenburg sah es, und mit seinem Instinkt half er ihr, die Formel zu finden, mit der sie ihr Gewissen abtun könnte.

»Ihr Erlebnis mit Stuart war ein Glück, für das Sie dankbar sein können! Das war eine seelische Bereicherung — und Ihr Gewinn daraus: die Entfaltung Ihres Gefühlslebens zu voller Blüte! — Das mußten Sie vor allen anderen haben, eben, um eine wahre Künstlerin zu werden! Das kann Ihnen nimmermehr genommen werden! Er aber mußte Ihnen genommen werden — weil er Ihrer Kunst im Wege war! Sie sehen es! Sie waren der Kunst untreu geworden! Die Kunst hat sich gerächt! Sie tritt jetzt gebieterisch vor und verlangt als Strafe, daß Sie ihr zuliebe auf Ihre Liebe verzichten! Und da gibt's nur eins — gehorchen!«

»Um — hinter den königlichen Hunden zu rangieren!«

»Das nur — wenn Sie sich das gefallen lassen!« lachte Rothenburg. »Der König hat Geist, und nichts ist ihm lieber, als wenn man ihm geistreich antwortet! Nur nicht schmollen! Nur nicht sentimental werden! Scharf, witzig, pointiert die Klinge zur Parade bereit halten! Den Kampf aufnehmen, wie er angeboten wurde! Das ist das einzige! Rächen Sie sich, wenn Sie wollen — aber geistreich und amüsant, und Sie werden gewonnenes Spiel haben!«

»Sie sind der geborene Konspirateur! Helfen Sie mir, einen Feldzugsplan zu entwerfen! Ich muß für die heutige Schmach Rache nehmen!«